"Großmutter"

Vor einigen Jahren, nach dem Tod meines Vaters, sind zwei Briefe ans Licht gekommen, von denen sonst niemand in der Familie etwas wusste und die ein paar aufschlussreiche Details aus dem Leben seiner Mutter zum Vorschein brachten. Was ich heute insgesamt weiß ist Folgendes: Sie hieß Anna und wurde 1904 in Lemberg, dem heutigen Lviv in der Ukraine geboren, in der damaligen Hauptstadt von Galizien, im östlichsten Teil der Habsburgermonarchie. Über Annas Kindheit gibt es keinerlei Nachrichten. Ende des Ersten Weltkriegs war sie jedoch schlagartig vorbei, denn ihre Eltern wurden ermordet und Anna musste allein und völlig mittellos Richtung Westen fliehen, im Alter von 14 Jahren. Sie landete in Niederösterreich, in einem Bauerndorf, wo sie als Feldarbeiterin ihr Auskommen fand. Da sie ausnehmend schön gewesen sein soll und weder Eltern noch Brüder hatte, die sie beschützten, sind ihr alle Burschen der Umgebung nachgestiegen, so dass sie sich nicht mehr zu helfen wusste und wiederum floh, wieder völlig mittellos, diesmal nach Wien, im Alter von 17 Jahren.

Was dann in Wien geschah, ist nicht näher bekannt. Was ich aber erfahren habe, ist dass sie nicht nur eines, sondern mehrere Kinder hatte, die sie allesamt noch im Säuglingsalter weggelegt oder weitergegeben hat. Eines dieser Kinder, vermutlich ihr Erstgeborener, war mein Vater, den sie in den späten 20er Jahren in einer warm gepolsterten Kartonschachtel auf eine Kirchenstiege legte. Darin war auch ein Zettel mit einem Familiennamen, demjenigen, den ich heute trage, der aber höchstwahrscheinlich nicht der ihre war. Denn Anna wurde mehrmals von den Behörden wegen der Zurechnung ihrer Kinder gesucht, jedoch niemals gefunden.

Was ich ebenso weiß, und dafür gibt es einen Augenzeugen, die spätere Pflegemutter meines Vaters, die meiner Mutter dazu berichtete: Anna hat höchstwahrscheinlich alle ihre Kinder in gewissen Abständen besucht, doch den persönlichen Kontakt vermieden. Das heißt, mein Vater hat seine Mutter niemals gesehen. Unter Umständen auch sie ihn nicht. Gesichert ist, dass Anna mehrmals die Pflegefamilie meines Vaters in Niederösterreich aufgesucht und sich nach seinem Befinden erkundigt hat. Nach rascher Begutachtung der Situation hat sie der Familie einen gut angemessenen Geldbetrag zugesteckt und war auch schon verschwunden. Ihre Besuche waren kurz und selten. Der Eindruck jedoch, den sie bei den Leuten hinterließ, war stark und anhaltend. In den frühen 30er Jahren kam Anna stets mit Chauffeur, in einem eindrucksvollen ausländischen Cabriolet. Sie hat Seide getragen und Pelze und hatte immer einen Hund dabei. Jedenfalls war sie im Dorf, in dem sie sporadisch auftauchte so etwas wie ein Fabelwesen: wunderschön, elegant und reich. Wer auch immer sie war: Es fällt mir schwer, sie als meine Großmutter zu empfinden, auch wenn sie es in biologischer Hinsicht gewesen ist.

© Eugenio