Legasthenie

Gleich in den ersten Wochen meiner Schulzeit wurde klar, dass es bei mir mit dem Schreiben wohl zu großen Problemen kommen wird. Die Buchstaben purzelten wild durcheinander, blieben nicht in einer Zeile und hatten auch unterschiedliche Größen, so dass es entsetzlich anzusehen war. Mein Volksschullehrer konnte mir nicht helfen, denn in den 60er Jahren war der Begriff der Legasthenie noch weitgehend unbekannt. Und so wusste er keinen anderen Rat als mich der Sonderschule zu empfehlen. Dort würde ich leichter mitkommen und hätte ein besseres Leben.

Doch die Sonderschule war für meine Mutter keine Option, auch für meinen Vater nicht, der eine ausgesprochene Leseratte war. Und so fasste meine Mutter den Entschluss, diese missliche Sache ins Reine zu bringen. Sie ging mit meinen Schulheften an die Universität, brachte sie zu den besten Professoren und lernte so die ersten Ergebnisse der Legasthenie-Forschung kennen. Daraus entwickelte sie ein Trainingsprogramm, das ich während der ersten zwei, drei Jahre meiner Schulzeit täglich über mich ergehen lassen musste, was mir die Tränen in die Augen trieb. Doch meine Mutter, die geborene Lehrerin, blieb standhaft. Mit viel Liebe und mitfühlender Intelligenz konnte sie mich dazu bringen das Regelwerk der Sprache langsam zu begreifen. Gleichzeitig packte sie die Gelegenheit beim Schopf und begann ein Studium der Pädagogik, das sie, neben ihrem Beruf, auch erfolgreich abgeschlossen hat.

Unterstützend zum Training meiner Mutter gab es die große Bibliothek meines Vaters, aus der er mir ausgewählte, schöne und spannende Bücher in die Hand drückte: das Dschungelbuch, die Schatzinsel, Dracula, Ali Baba und die 40 Räuber, Narziss und Goldmund, Robinson Crusoe, Sherlock Holmes, die Erzählungen von Edgar Allen Poe. Freilich waren das allesamt keine Kinderbücher, aber vielleicht waren sie gerade deshalb so überaus spannend und aufregend für mich.

Nach und nach konnte ich mit allen anderen in der Schule mithalten und war sehr froh darüber. Im Gymnasium durfte ich meine Aufsätze sogar dann und wann vor versammelter Klasse vorlesen. Heute kann ich sagen, dass mir das Schreiben zur lieben Gewohnheit geworden und aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken ist.

Ich kann mich noch gut an das letzte Wort erinnern, das mir auch in den höheren Klassen immer noch nicht gelingen wollte: „Papst“. Wenn ich dieses Wort heute verwende, schreibe ich stets, in einem Kurzanfall von Trotz, „Pabst“ auf den Bildschirm, lasse die Sache schmunzelnd auf sich beruhen und bessere erst später aus. Bis heute bin ich der Meinung, dass man „Papst“ ruhig mit weichem B schreiben kann: Erstens ist vorne ohnehin ein hartes und zweitens, mit Wiener Aussprache, ist die Sache völlig korrekt. Alle sagen „Pabst“ – und ich muss „Papst“ schreiben, so was! Meine Mutter hat derartige Argumente meist mit Fassung getragen. Und ich habe ihr wirklich zu danken.

© Eugenio