Projektion

Als meine Mutter noch ein Kind war, während des zweiten großen Krieges, hatte sie den Dachboden als ihr liebstes Refugium auserkoren. In dieser ewigen Dämmerstimmung, wo es so leise war, dass man die Mäuse knabbern hörte, konnte sie zur Ruhe kommen und ihren Gedanken freien Lauf lassen. Auf einem moosgrün bezogenen Barockstuhl sitzend legte sie sich gerne die Schachtel mit den alten Fotografien auf die Knie und prägte sich die Gesichter ihrer Vorfahren ein.

In dieser Zeit hatte sie einen Traum, der für sie so wichtig wurde, dass sie ihn später nie vergessen konnte. Vor ihrem inneren Auge sah sie das Bild ihrer Familie. Alle hatten sich in Reih und Glied versammelt, um sich im Freien vor dem Elternhaus ablichten zu lassen. Doch in der Mitte, auf der Stuhl der Urgroßmutter, auf dem wichtigsten und würdigsten Platz, saß ein fremder Mann. Das konnte sie sofort erkennen, weil er pechschwarze Haare und eine ganz anders geformte Nase hatte. Der Mann war groß, trug einen dunklen Anzug und hatte ein kleines Brautsträußchen am Revers. Seine linke Hand hielt er über die Lehne nach vorne gestreckt, so dass man deutlich seinen Ehering erkennen konnte. Noch im Traum fragte meine Mutter ihre Eltern und alle Verwandten, wer dieser Mann denn sei. Doch niemand kannte ihn, keiner konnte ihr Auskunft geben.

15 Jahre später, in den 50ger-Jahren in Wien, im Café Sinfonia auf der Ringstraße: Meine Mutter stärkt sich nach einer langen Chorprobe mit Kaffee und einem großen Stück Marillenkuchen. Plötzlich kommt ein junger Mann auf sie zu und fragt, ob er sich zu ihr an den Tisch setzen darf. Ihr erster Gedanke: Das ist der Mann auf dem Foto. Sie bleibt ruhig und wartet, was er ihr zu sagen hat. Er hält ein Buch in der Hand, den Daumen zwischen zwei Seiten. Diesen neuen Band habe er heute in der Buchhandlung erstanden, auch schon darin geblättert und eben ein Gedicht entdeckt, das er gerne vorlesen wolle. Meine Mutter hört „Sogenannte Klassefrauen“ von Erich Kästner. Das Gedicht ist etwas anzüglich. Sie weiß nicht, ob sie sich geschmeichelt fühlen oder ärgern soll, muss aber trotzdem lachen. Und so entspinnt sich ein Gespräch. Nach einiger Zeit fragt sie ihn um seinen Namen. Als sie seine Antwort hört ist ihr erster Gedanke: So möchte ich aber nicht heißen.

Die beiden bleiben noch eine Zeit lang sitzen und sprechen übers Theater, das beiden ans Herz gewachsen ist. Er bittet sie, Karten für eine Premiere zu besorgen, da er während der Öffnungszeiten der Theaterkassa arbeiten müsse. Sie kauft, wie selbstverständlich, gleich am nächsten Tag die Karten, obwohl sie teuer sind und die Sorge besteht, ihn womöglich nie wieder zu sehen. Doch er kommt überpünktlich zur Vorstellung und es wird ein schöner Abend.

Die ersten beiden Jahre bleibt das Verhältnis freundschaftlich, weil er noch in einer schwierigen Liebesbeziehung steckt. Aber dann macht er ihr einen Heiratsantrag und die beiden bleiben ihr Leben lang zusammen. Der junge Mann war mein Vater.

© Eugenio