Respekt

Schon seit Monaten litt ich unter Magenschmerzen. Mehrmals am Tag musste ich über die Krämpfe hinwegkommen, die mich heimsuchten und die mir gehörig die Laune verdarben. Noch dazu wusste ich nicht, welchen Weg ich einschlagen sollte, damals in meinen frühen 20er Jahren. Ich war planlos, alles hing in der Schwebe. Zwar gab es Möglichkeiten, doch ich hatte keine Lust und keinen Geist mich zu entscheiden. Und so lebte ich kränkelnd in den Tag hinein, aß ungesunde Dinge, war missmutig und rauchte viel zu viele Zigaretten.

Es war wie eine Prüfung als ich eines Tages meinen Lebensraum mit zwei Katzen teilen musste. Plötzlich war pralles Leben im Haus und meine Lethargie beendet. Aber es war ein Kampf. Ich musste alles, was mir lieb und teuer war, vor der Zerstörung bewahren. Die neue Situation veränderte vieles, meinen Adrinalinspiegel, mein Geschick im Verhalten mit dem Feind, bloß meine Magenschmerzen nicht. Die wurden immer schlimmer.

Man sagt, es gibt Katzen- und Hundemenschen. Mir waren beide Seinsweisen immer schon fremd. Freilich waren sie schön anzusehen, diese Großstadtkatzen, aber sie gingen mir nicht ans Herz. Was andere als beglückendes Spiel mit der unbändigen Natur erlebten, war bei mir bloß ein Ärger über zerkratzte Arme und Hände, schmutzige Hosen und mit Haaren übersähte Jacken und Pullover. Letzteres ging auf das Konto der männlichen Tigerkatze, die mich mit Liebkosungen überhäufte und sich ständig auf mir befand, Tag und Nacht.

Wirklich problematisch war das Weibchen, kohlrabenschwarz, durch und durch, ohne den geringsten weißen Punkt im Fell. Sie war klein, schnell und aggressiv, eine Messerstecherin. Ohne Vorwarnung und ersichtlichen Grund – man sagte mir später, ich hätte die Zuckungen der Schwanzspitze beachten sollen – gab es blutige Attacken. Man konnte sie so gut wie gar nicht berühren, ohne dass Blut zum Vorschein kam. Aber dann geschah das Wunder.

Eines Tages waren die Magenschmerzen wieder derart heftig, dass ich mich mitten am Tag in meinen Lehnstuhl setzen musste und mich kaum mehr bewegen konnte. Und da kam sie auf mich zu, sprang mir auf die Knie, knetete mit ihren weichen Pfoten meinen Magen und legte sich nach einigem Drehen und Wenden auf meinen Bauch. Dort blieb sie, gut eine Viertelstunde lang, bis die Schmerzen zuende waren. Und dann ging sie wieder. Als ich ihr zum Dank übers Fell streichen wollte, fauchte sie mich an und schlug mir mit der Tatze auf die Hand.

Die Folge war, dass ich zwar nicht geheilt wurde – das wäre wohl zu schön gewesen – doch zumindest zwei Tage schmerzfrei blieb und in der Folge, belehrt durch ihr ärztliches Handeln, erstmals meinerseits zum Arzt ging. Diagnose: Heliobakter; drei Wochen Tabletten und die Sache war beendet. Die schwarze Katze war immer noch unfreundlich, wie eh und je, aber von nun an hatte ich Respekt vor ihr und ging ihr gänzlich aus dem Weg. Das war ihr ganz recht. Vielleicht mochte sie einfach keine Menschen.

© Eugenio