Schädelschau

Es war ein heißer Sommer und ich hatte mich bereits vor Wochen im Landhaus meines Schulfreunds häuslich eingerichtet. Die meiste Zeit verbrachte ich allein und schreibend in der Gartenlaube. Bloß am Wochenende kam mein Freund mit seiner Frau, um den schönen Garten zu genießen. In dieser beschaulichen Stimmung war ich bald drei Monate, als die Frau meines Freundes vom Abt die Genehmigung bekam, den Karner des örtlichen Friedhofs wissenschaftlich zu bearbeiten. Ihr Vorhaben war, aus dem Beinhaus, das niemals geleert worden war und bis zum heutigen Tag benutzt wurde, eine Anzahl von Schädeln zu entnehmen, sie zu reinigen, zu nummerieren und zu vermessen.

Ich war von der ersten Besichtigung an dabei. In einem Durchmesser von 8 Metern und einer vermuteten Höhe von 10 Metern lagen die Überreste der Verstorbenen kreuz und quer übereinander. Die Totengräber hatten seit Jahrhunderten die Gebeine aus den Gräbern mit Scheibtruhen durch die drei schmalen Öffnungen des Karners in sein Inneres gekippt. Dort roch es stark nach Erde und nach Pilzen.

Anfangs, als wir noch kaum Licht hatten und auch noch keinen Atemschutz und keine Handschuhe verwendeten, bekam ich eine Strumpfhose zu fassen, in der sich noch Schenkelknochen befanden. Nach drei Tagen, als wir dann schon zu graben begannen, weil die oberste Schicht bereits durchsucht war, fand ich ein mumifiziertes Handgelenk, um das ein kupferner Rosenkranz gewunden war. Einmal hob ich einen Kopf auf, der schwer war und gefüllt zu sein schien und einen Längsriss durch die Schädeldecke hatte. Vor meinen Augen brach er entzwei und ich sah ein durchgeformtes Gehirn vor mir, das augenblicklich zu Sand und Staub zerfiel.

Wir kamen hinunter bis zur Barockzeit, was man an den Gravuren auf den kleinen Weihwasserfläschchen erkennen konnte, die wir ab und an fanden. Wir gruben so tief als möglich und mussten dabei mit Holzbrettern Verschalungen anbringen, die von Eisenstangen gestützt wurden, damit die Masse der Knochen nicht ins Rutschen kam und uns begrub.

Die Vorgabe des Abtes war, diskret und respektvoll vorzugehen. So nahmen wir die Bergungen vor allem dann vor, wenn niemand mehr am Friedhof war. Bis in die Nacht hinein füllten wir die Schädel in schwarze Säcke und transportierten sie auf dem Anhänger eines Traktors in den Garten. Dort wurden sie in einer Badewanne mit Bürsten gereinigt und zum Trocknen in die Sonne gelegt. Unser Garten war von Mauern und Hecken umgeben, so dass niemand von außen etwas sehen konnte. Die Vermessungsarbeit fand dann im Haus statt. Im Spätsommer brachten wir die Schädel wieder zurück in den Karner. Einer der schönsten ruht bis heute in meinem Arbeitszimmer und ist mir ein guter Freund geworden. Er soll von einem Mann aus der Zeit der Schwedenkriege stammen, der etwa 24 Jahre alt geworden ist. Ich war damals 33.

© Eugenio