Schützenhilfe

Es war in jener Zeit, in der meine Studien formal abgeschlossen waren, mein berufliches Leben aber kaum noch begonnen hatte. Einerseits lasteten auf mir die Erwartungen meiner Familie, voranzukommen und endlich selbständig zu werden. Andererseits war ich ehrgeizig und wollte einer Berufung folgen. Das Gelernte sollte unter die Leute kommen und Früchte tragen. Und neugierig war ich obendrein.

In dieser spannenden wie bangen Zeit nahm ich Kontakt zu einem Radiosender auf, erzählte von meinem Vorhaben und wurde promt zu einer Live-Sendung eingeladen. Was ich vorhatte war: In der Öffentlichkeit von etwas zu berichten, was es hierzulande noch nicht gab, mit dem Zweck, auf diesem Gebiet berufliche Anerkennung und ein finanzielles Auskommen zu finden. Der Moderator der Sendung war ein stadtbekannter Journalist, der mir gleich eine dreiviertel Stunde zugemessen hatte. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich vorher im Kaffeehaus gesessen bin und Bauchweh hatte.

Im Sendesaal war ich wie in Trance, hielt mich aber gut und war sogar schlagfertig. Nach einiger Zeit meldete sich ein älterer Herr zu Wort. Ich hatte ihn bislang noch gar nicht bemerkt. Er wurde sehr freundlich, ja fast ehrerbietig als Professor N. vorgestellt und begann auch schon lebhaft zu sprechen: Es sei eine wirklich wichtige und gute Sache, die hier vorgestellt werde, und er könne das Vorhaben seines Schülers nur voll und ganz unterstützen. Und dann stellte er mir noch eine knifflige Frage, die ich aber gut beantworten konnte. Mir schlug das Herz bis zum Hals: Professor N. war hier. Aber worüber ich wirklich fassungslos war: Ich war niemals sein Schüler.

Vor dieser Sendung hatte es nie ein persönliches Gespräch zwischen uns gegeben. Wir kannten uns so gut wie gar nicht, bloß vom Sehen her. Er war zwar der Berühmteste der Fakultät. Doch ich studierte bei ganz anderen Leuten, die mir damals interessanter vorkamen. Kolloquiert hatte ich bloß seine Hauptvorlesung, die verpflichtend vorgeschrieben war. Er ging er auf mich zu und wir plauderten noch ein wenig. Die Ankündigung der Sendung habe er in der Radiozeitung gelesen. Er habe gerade Zeit gehabt und sich spontan dazu entschlossen, mit dabei zu sein. Dann lud er mich ein, ihn doch bald einmal in seinem Arbeitszimmer zu besuchen.

Die Gespräche vertieften sich. Nach einem Jahr schlug er dann vor, unsere Treffen auf die Abendstunden zu verlegen. Bis zu seinem Tod saßen wir im Schnitt dann alle zwei Monate beim Heurigen, leerten gemeinsam ein, zwei Flaschen Wein und wurden Freunde. Und so wurde ich in der Tat auch sein Schüler. Irgendwann, nach viele Jahren, sind wir dann draufgekommen, dass er seinen Geburtstag im gleichen Jahr und am gleichen Tag wie meine Mutter hat.

© Eugenio