Schweigen

Meine Karriere als Schauspieler war kurz. Ich muss wohl sieben oder acht Jahre alt gewesen sein, als die dicklichen Damen vom Elternverein die Idee hatten, mit uns Kindern ein Theaterstück aufzuführen. Vielleicht machte es ihnen Spaß, drolligen kleinen Zwergen dabei zuzusehen, wie sie über die Bühne stolpern und sich im Vorhang verfangen, wer weiß. Jedenfalls kann ich mich noch erinnern, wie mich die Damen lächelnd über den Tisch zogen, meine Widerstände ignorierten und mich mit aller Freundlichkeit dazu brachten, nicht zu murren und mitzuspielen. Mir war von Anfang unwohl bei der Sache.

Gleich am nächsten Tag kam die erste Niederlage: Ich sollte eine Zahl spielen, nämlich die Zahl 5. Das war mit Abstand die schlechteste Zahl, die niemand bekommen wollte, der Schrecken aller Schüler. Meine Rolle fing damit an, zuerst einmal als 5 verkleidet zu werden. Die Verkleidung war so einfach wie genial: Man klebte mir mit Tixo einen Zettel auf den Pullover, auf dem deutlich, mit dickem schwarzen Filzstift, ein fetter Fünfer geschrieben war.

Ich war unglücklich, auch weil das Tixo auf meinem Pullover nicht kleben blieb, und wenn, dann schief. Geprobt wurde so gut wie gar nicht. Ich glaube, es war nur ein einziges Mal. Dazu bekam ich einen Zettel in die Hand gedrückt, auf dem mein Text geschrieben stand. Den konnte ich bei der Probe ablesen und musste ihn dann bis zur Aufführung auswendig lernen. Das Einzige, was ich über den Text heute noch weiß, ist seine Form, dass es ein Vierzeiler war, der sich reimte. Die Reime erschienen mir unverständlich und beschämend. Deswegen konnte ich sie mir auch damals nicht merken.

Dann kam der Tag der Aufführung. Zuerst schminken, lustig natürlich, mit viel Rot im Gesicht. Dann kam der Zettel mit dem Fünfer, der schon Falten hatte, mit einem frischen Streifen Tixo. Als ich die Bühne betrat, schwebte der Zettel zu Boden. Und so hob ich ihn auf, hielt ihn mir mit der Hand vor den Pullover und ging zur vorgesehenen Stelle, um meinen Reim aufzusagen. Bloß, er fiel mir nicht mehr ein. Ich ging auf die Bühne und schwieg. Lange, sehr lange, viel zu lange.

Dann versuchten alle, mir einzusagen. Zuerst unser Lehrer, der die Rolle des Regisseurs übernommen hatte. Dann mein Leidenskollege, die 4, die ihren Spruch schon zum Besten gegeben hatte, sich den meinen zu allem Überdruss aber ebenso gemerkt hatte. Dann versuchte es eine der Damen. Sie rief mir den Reim vom Publikum aus zur Bühne, in einer Lautstärke, dass es jeder hören konnte. Ich schwieg. Was hätte ich auch anderes tun sollen? Hätte ich den Text, den alle schon gehört hatten, noch einmal sagen sollen? Das hätte die Sache noch schlimmer gemacht. Schweigen war in diesem Fall besser, viel besser.

© Eugenio