Stille

Mein Vater und ich, wir hatten einst ein zwischenmenschliches Problem: Wir konnten nicht miteinander reden. Wenn wir schwiegen oder nichts Wesentliches von uns gaben, war es erträglich. Wenn wir jedoch ernsthaft reden und uns in wichtigen Dingen austauschen wollten, kam meist irgendein Blödsinn oder eine Streiterei dabei heraus, so dass wir das Reden wieder sein ließen.

Einmal, am Weihnachtstag, am frühen Nachmittag, als alle geschäftig durch die Wohnung huschten, kam es dann zur Eskalation. Ich war gerade beim Einpacken der Geschenke, als er ins Zimmer rauschte und meinte, ich hätte schon wieder die Heizung zu hoch gestellt und es sei unerträglich heiß. Ich gab zurück, dass eben Winter sei. Deshalb habe der Mensch die Heizung ja erfunden, damit man nicht mehr frieren müsse. Darauf sagte er, dass der Mensch die Stricknadel erfunden hätte, um damit Pullover zu stricken, die ich gefälligst auch anzuziehen habe, wenn mir kalt sei. Also eine ganz normale Familiendebatte war das, wie sie wohl jeder kennt. Aber dann kam es aus mir heraus, völlig unvermutet, das Götzzitat, am Weihnachtsabend.

Jetzt war es sehr still. Aber es war keine weihnachtliche Stille. Mein Vater wurde blass, stand noch eine Zeit lang da und verließ dann wortlos das Zimmer. Ich stand ebenso da, lange noch, und war verwirrt. Niemals hatte ich ihm etwas Derartiges an den Kopf geworfen. Ich verstand nicht, wie es soweit kommen konnte. Aber auch er konnte es nicht verstehen, denn geredet haben wir darüber nie.

Ein paar Jahre später, wieder am Weihnachtstag, ich war schon aus der gröbsten Pubertät heraus, schlug meine Mutter mir vor, meinem Vater doch einen Brief zu schreiben. Unser Problem stand ihr ja täglich vor Augen. Unzählige Stunden schon hatte sie damit verbracht, zwischen uns zu vermitteln. Und so legte ich ihm einen Brief unter den Weihnachtsbaum, in dem ich von meiner Liebe zu ihm sprach und mich für so manches bei ihm entschuldigte. Er las ihn aufmerksam. Und nachdem er ihn gelesen hatte, umarmten wir einander, hatten ein paar Tränen in den Augen und waren erleichtert. Geredet haben wir darüber nie.

Mehr als zwei Jahrzehnte später stand ich zu vorgerückter Stunde im Festsaal eines Wiener Palais und sah mir Gemälde und Skulpturen an. Plötzlich musste ich an meinen alten und sehr kranken Vater denken. Ich besorgte mir ein Taxi, fuhr zu ihm ins Spital und fand ihn halb aufrecht sitzend mit ringenden Händen und schweißnasser Stirn. Es sah so aus, als ob er gegen etwas kämpfen würde. Ich streichelte über seinen Kopf und sagte ihm, dass alles gut ist und er jetzt einschlafen könne. Er muss es wohl gehört haben, denn er hat sich gleich beruhigt. Die Erinnerung an den Brief, den ich ihm damals am Weihnachtsabend unter den Baum legte, war einer der ersten tröstlichen Gedanken, die ich am nächsten Tag hatte, als ich seine Todesnachricht erhielt. Er starb 15 Minuten nachdem ich das Spital verlassen hatte.

© Eugenio