Sukkulenten

Seinen Anfang nahm alles mit einer Reise nach Kapstadt, in den dortigen Winter. Die Hänge des Tafelbergs und die umliegenden Hügel, über die wir ausgedehnte Wanderungen unternahmen, waren überzogen mit den kuriosesten Pflanzen, die in voller Blüte standen. Es war Liebe auf den ersten Blick. Noch nie hatte ich Derartiges gesehen. Im botanischen Garten in Stellenbosch erfuhr ich dann deren Namen und konnte sogar Sämlinge erwerben, von diesen wunderbaren Aloen, Haworthien, Gasterien und Euphorbien, selbst eine Dioscorea elephantipes war dabei.

Vor meiner Abreise holte ich sie alle aus ihren Töpfen, verpackte sie mit Holzwolle in zwei Weinkisten und nahm sie mit nach Wien. Nur wenige überlebten, weil ich ja damals noch keine Ahnung hatte. Doch auf der Wiener Raritätenbörse fand ich sie wieder und bekam überdies Auskunft: Die bizarre Form dieser „Sukkulenten“ rühre daher, dass sie in ihren Stämmen oder Blättern große Mengen Wasser speichern und dadurch lange Trockenzeiten überstehen können. Sie bräuchten viel Licht, eine steinige Erde und sollten nur dann gegossen werden, wenn sie im Wachstum sind.

Nach ein, zwei Jahren konnte ich erste Erfolge erzielen. Neue Triebe wuchsen und Blüten stellten sich ein, die mein Herz höher schlagen ließen. Gemeinsam mit einem Freund entdeckte ich in Tschechien das Glashaus eines alten Bauern, der gerade im Begriff war, seine wertvolle Sammlung aufzulösen. Mehrmals transportierten wir große Mengen dieser Kostbarkeiten unter abenteuerlichen Umständen über die Grenze. Jetzt gab es viel zu tun: umtopfen, beschneiden, Stecklinge machen, die passenden Erden mischen. Ich war ganz in meinem Element.

Die Folge war, dass ich ein akutes Platzproblem bekam und alle meine Fensterbänke vergrößern musste. In der Zwischenzeit hatte ich mir auch schon eine kleine Spezialbibliothek zugelegt, in der ich jeden Tag ein wenig blätterte. Ich lernte die verschiedenen Düngemittel kennen und die wertvollen Zuschlagstoffe, die der Erde die nötige Fruchtbarkeit verleihen. Ich begann kalkfreies Wasser herzustellen, das dem Regenwasser ähnlich ist. Spezialleuchten wurden montiert zur Überbrückung der finsteren Jahreszeit. Langsam lernte ich auch die maßgebenden Händler und Sammler kennen – und alle waren durchwegs sympatische Menschen.

Weniger sympathisch waren mir die Wollläuse, die meinen Sukkulenten arg zu schaffen machten. Ich musste schwere Verluste hinnehmen. Es dauerte Jahre bis ich die richtigen Mittel fand, um diese Tierchen in den Griff zu bekommen. Heute habe ich an die 300 Pflanzen. Meist beginnen sie erst nach vielen Jahren zu blühen und dann klopft mir das Herz bis zum Hals. Zwei wichtige Pilgerfahrten stehen noch aus: die eine nach Zürich, wo sich die beste Sammlung Europas befindet, und die andere zu Kakteen-Haage nach Erfurt, wo schon Johann Wolfgang von Goethe und Franz Liszt ihre Pflänzchen erstanden. Da muss ich hin, irgendwann einmal.

© Eugenio