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Blut

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Blut | story.one

Und wie trinke ich jetzt bitte Orangensaft mit dieser Maske? Ah, da stehen Strohhalme! Diese dünnen mit Papier rundherum - dauert eine Weile, bis einer in der Flasche steckt. Das andere Ende schiebe ich unter dem ungeliebten Stück Stoff durch zu meinem Mund. Muss irgendwie lustig aussehen. Bald darf das Ding ja wieder mein Gesicht verlassen, aber ein bisschen bleibe ich noch sitzen. Schokolade habe ich schon eingepackt.

Heute war ich seit langer Zeit wieder allein Blut spenden. Normalerweise starte ich einen Aufruf unter meinen Facebook-Freunden und finde jemanden, der sich als Begleitung anbietet. So kann ich die Lebenssaft-Spende verdoppeln und mit einem netten Tratscherl verbinden. Aber dazu ist grad nicht die richtige Zeit. Blut wird trotzdem gebraucht. Sonst würde ich nicht regelmäßig diese Nachricht via SMS bekommen: "Danke für Ihre Blutspende! Ihre Blutkonserve ist jetzt zum Wohle eines Patienten eingesetzt worden."

Es ist eine besondere Umgebung in der Blutzentrale Linz. Die Menschen, die hier arbeiten, sind ausnahmslos nett. Ich freue mich jedes Mal, wenn die vorgeschriebenen Wochen um sind und ich vorbeischauen kann. Es wird geplaudert und gescherzt. Ein familiäres Ambiente - nun maskiert, aber trotzdem fein.

Als ich heute dort eintraf, mein Fahrrad absperrte und zielstrebig auf den Eingang zusteuerte, spazierte von rechts ein Mann mit demselben Vorhaben daher. Ich gab ihm Vorrang, blieb stehen und sah zu, wie er verwundert vor der sich nicht öffnenden automatischen Schiebetür stand. Eine Frauenstimme fragte ihn, warum er hier sei, nachdem er die Glocke betätigt hatte. "Zum Blut spenden", war seine Rückmeldung und die Lautsprecher-Dame bat ihn zu warten. Kurz darauf verschwand er.

Dann war ich dran. Handdesinfektion, ein paar Fragen, Fieber messen, danach lief alles wie gewohnt - bis auf die Masken und die Bitte, den Kugelschreiber nach Ausfüllen des Fragebogens zu behalten. Tu ich sowieso immer, gab ich mit einem Augenzwinkern zurück.

Jetzt sitze ich also da - mit rund einem halben Liter Blut weniger im Körper und mit meinem umständlich zu leerendem Getränk und denke an die Menschen, mit denen ich schon hier war. Drei Erstspender waren unter ihnen. Für das "Anschleppen" dieser "Neuen" habe ich immer eine sehr coole Tasche geschenkt bekommen, die ich anschließend an die Jugendlichen in meinen Deutschkursen weitergab - inklusive Kugelschreiber natürlich.

Ich erinnere mich an eine Bekannte, die hier zweimal abgelehnt wurde und seitdem immer beim Besuch ihrer alten Heimat Italien spendet, weil dort andere Grenzwerte in Bezug auf Eisen gelten. Und mir kommt diese eine Spende in den Sinn, vor der ich zu wenig gegessen hatte und Schwindelgefühle meinen restlichen Tag begleiteten. Und der Nachmittag, als ich mit meiner älteren Tochter hier war und sie sich für mich schämte. Ich muss schmunzeln und leere die Flasche.

Heute also allein - beim nächsten Mal hoffentlich wieder in Begleitung!

© Eva Daspelgruber 17.04.2020

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