#idioten

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#idioten | story.one

Silvester, später Nachmittag. Ich sitze gemütlich auf der Couch und lese. Da passiert etwas Komisches: eine kleine Erschütterung im Haus - kaum wahrnehmbar. Ich denke aber nicht weiter darüber nach und widme mich wieder meinem Buch.

Da blinken Lichter von draußen rein und ich gehe neugierig auf den Balkon. Langsam und leise füllt sich die schmale Straße mit Einsatzfahrzeugen: Feuerwehr, Polizei, Rettung, Notarzt - alle da. "Kinder, da brennt's irgendwo", rufe ich dem Nachwuchs zu. Vom siebten Stock habe ich einen guten Überblick. Wo die wohl hingehen werden?

Weil ich schon stehe, kann ich auch gleich die Wäsche meines Sohnes in sein Zimmer tragen, denke ich. Sein Fenster - auf der anderen Seite der Wohnung - steht offen, ich höre Geräusche und strecke meinen Kopf raus. Da sehe ich drei Männer von der Feuerwehr und jede Menge Rauch - einige Meter direkt unter mir, im Erdgeschoss.

Blöderweise überkommt mich jetzt Panik. Anstatt darauf zu vertrauen, dass die Einsatzkräfte mich schon rausholen würden, wenn Gefahr besteht, will ich nur eines: raus. Jetzt. Sofort. Mit den Kindern.

Ich klopfe - nein, ich hämmere - an die Badezimmertür und teile meiner Tochter mit, dass sie unverzüglich rauskommen soll, weil es brennt und wir das Haus verlassen werden. Mit Shampooresten in den Haaren und im Bademantel steht sie kurz darauf vor mir. Meinem Sohn sage ich - wie dumm von mir -, dass er vorausgehen soll. Macht er auch gleich. Mit meiner Panik habe ich alle angesteckt.

Seine Schwester will sich wenigstens eine Unterhose anziehen und eine Haube aufsetzen. Ich schnappe Handy, Schlüssel und Jacke und warte, bis sie fertig ist.

Als ich die Tür öffne, ist das Stiegenhaus komplett verraucht, ein Feuerwehrmann mit Atemschutzmaske ruft: "Alle in der Wohnung bleiben".

Mein Handy klingelt. Alles okay, alles gelöscht - teilt mir mein Sohn von unten mit. Der, den ich durch das vollkommen verrauchte Stiegenhaus geschickt habe. Tolle Mutter!

Als sich der "Nebel" lichtet, will ich runter zu ihm. Zu Fuß. Vor der Haustüre sehe ich Blutspuren am Boden. Mein Sohn sitzt im Wagen der Rettung, ein Sanitäter spricht mit ihm.

Da erblicke ich den Nachbarn aus der betroffenen Wohnung. Was passiert ist, frage ich. Naja, meint er, das Enkerl wäre zu Besuch gewesen und er dachte, Sternspritzer am Christbaum würden ihm gut gefallen. Wie bitte? Zu Silvester? Da, wo der Baum schon komplett vertrocknet ist? Ja, es war keine gute Idee, das weiß er jetzt auch. Die Glastür im Wohnzimmer hat es "zerrissen", Splitter davon seine Frau an der Lippe erwischt. Er muss jetzt los, sie ist schon im Krankenhaus.

Mein Sohn und ein Nachbar werden von der Rettung mitgenommen. Ich fahre mit dem Auto nach. Alle Untersuchungen sind in Ordnung, er ist kerngesund, erfahre ich eine Stunde später.

Jetzt steht ein Container vor der Tür. Ihn ziert der Werbespruch der Firma. Und der ziert meine Geschichte, die von zwei Idioten handelt: vom "Sternspritzer-Nachbarn" und von mir, der "Panik-Mama".

© Eva Daspelgruber