#leber

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Da sitze ich also nun. Auf der anderen Seite. Vorne an der Tafel steht eine sympathisch aussehende Frau in meinem Alter. Sie wird eine gute Freundin von mir werden. "Salam", sagt sie zu uns. Hallo. Erste Stunde im Persischkurs.

Warum ich hier bin, hat mehrere Gründe. Der ausschlaggebende für die Anmeldung war, dass ich diese wunderschöne Sprache halbwegs beherrschen möchte. Für mich klingt Persisch - im Gegensatz zum für mich "hochnäsig" gesprochenen Arabisch - wie Musik. Ich habe sie oft in den Pausen meiner Deutschkurse gehört. Ein weiterer Grund: ich will "in die Haut" meiner Schüler schlüpfen. Um zu wissen, wie es ihnen mit dem Deutsch lernen geht, um ihre Fehler zu verstehen. Und natürlich möchte ich diese wunderbaren, in die andere Richtung geschriebenen Zeichen lesen können, die für mich zu diesem Zeitpunkt wie Malerei aussehen. Und fürs Hirn ist Lernen sowieso gut.

Die einzigen Wörter, die mir zu diesem Zeitpunkt neben "salam" bekannt sind: "ketab" für Buch und "mersi" für danke. Schreiben kann ich das aber noch nicht. Wir lernen die ersten Buchstaben und bei mir macht sich Ernüchterung breit, als ich erfahre, dass die kurzen Vokale a, e und o nicht (!) geschrieben werden. Ja, woher soll ich denn dann wissen, wie das Wort heißt? Es gibt Hilfszeichen dafür, allerdings nur in Büchern für junge Schulkinder, lasse ich mir sagen - auch im Kursbuch wurde darauf verzichtet. Das erschwert das Ganze ziemlich. Aber ich bleibe motiviert, schreibe meine ersten Wörter mit einer Riesenfreude.

Ich lerne, dass ich - sofern ich mich in einen Mann aus dem Iran verliebe - zum Zeichen meiner Zuneigung "Ich werde deine Leber essen", sagen soll. Falls ich mich erkälte, ist es einfach: "Ich habe Kälte gegessen", denselben Satz mit "Boden", falls ich hinfalle. Mit den Eltern ist man dort per Sie. Ich überlege, das zu Hause auch einzuführen ;)

Einmal komme ich mit dem Fahrrad an einer roten Ampel zu stehen. An der Ecke ein arabischer Supermarkt. Angestrengt lese ich die Zeichen und entdecke zu meiner Überraschung, dass das Wort darunter auch in "meinen" Buchstaben zu finden ist. Ich hatte es tatsächlich richtig erfasst! Da niemand um mich herum applaudiert, mache ich es in mir drinnen. So ist es mir wahrscheinlich mit fünf Jahren zum letzten Mal gegangen. Als ich lesen lernte. Wie schön.

Eines Tages lädt mich meine Lehrerin zu sich nach Hause ein. Sie kocht zu meiner unermesslichen Freude Ghorme Sabzi für mich! Dieses köstliche, traditionelle persische Gericht, das ich heiß liebe. Wir essen zwei Stunden lang, trinken weitere zwei Stunden Kaffee. Sie spricht viel über ihr Leben in der alten Heimat, ich lausche gespannt.

Ich möchte den Iran besuchen und die Menschen kennenlernen. Falls das möglich ist. Bis dahin nutze ich das Glück, dass sich durch das Essen, die Sprache und meine Bekanntschaften ein Stück dieses Landes für mich auch schon hier entfaltet.

So, jetzt aber shab bekheyr, khub bekhabi - gute Nacht, schlaf gut.

© Eva Daspelgruber