#eigenartig

#struktur

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#struktur | story.one

Wann wir am Wochenende immer zu Mittag essen, werde ich gefragt. Naja, das variiert, findet aber meistens am frühen Nachmittag statt. Pah, was ich meinen Kindern antun würde - die brauchen doch Struktuuur!

Ja, die haben sie die ganze Woche, entgegne ich, von der Schule bis zu den Hobbys - da haben sie am Wochenende eine Pause bitter nötig. Genau wie ich. Kopfschütteln. Auch okay.

Ich checke ihn nicht und umgekehrt. Es erschließt sich mir nicht, warum ich täglich um halb zwölf essen soll - vielleicht habe ich ja gar keinen Hunger. Oder ist es einfach praktisch, wenn ich nicht darüber nachdenken muss? Hm, keine Ahnung. Auf jeden Fall kam ich zu einer Essenseinladung mit den Kindern um fünf Minuten zu spät. "Wir haben schon mal ohne euch angefangen ..." - geht's noch?

Im Büro saß ich für ein paar Monate einem Kollegen gegenüber, der die personifizierte Struktur war. Um 9 Uhr 45 packte er raschelnd sein alufolienumhülltes Wurstbrot aus und trank ein Häferl Kaffee dazu, den er um exakt 9 Uhr 30 aufgestellt hatte. Um 10 Uhr 30 rief er seine Frau an, was sie aus dem gruseligen Kantinenangebot wählen sollen (beide das gleiche!). Es folgte die kurze Diskussion darüber, wer heute mit den Essensgutscheinen bezahlt. Um 15 Uhr gingen sie - sicherheitshalber nach einem kurzen Telefonat - gemeinsam heim. Tagein, tagaus.

Und dann verbrachte ich eine Weile neben einem Mathematiker. Einem von Grund auf netten Menschen, aber "strukturmäßig" nicht auszuhalten. Täglich besorgte er sich in der Mittagspause zwei "Arschsemmerl" (die länglichen, in der Mitte geteilten), wie er sie nannte, mit Putenschinken. Dazu eine Packung Orangensaft, die er pünktlich um 15 Uhr 26 vollständig leerte (wie geht das?) und dann mit den Worten "Vurschrift is Vurschrift" flach faltete. Um 15 Uhr 27 packte er seine Stoffschlapfen in die Aktentasche (ja, echt), zog die Schuhe an und konnte so um 15 Uhr 30 das Gebäude verlassen. Montag bis Freitag.

Manchmal brachte er mittags einen Sack Mignon-Schnitten mit (wahrscheinlich an Tagen mit Primzahlendatum, ich hab's nie durchblickt). Dann nahm er eine raus, biss ab, kaute dreimal, schluckte, aß den Rest, kaute erneut, schluckte, leckte erst Daumen und dann Zeigefinger ab, schraubte das Cappy auf, nahm einen Schluck und griff zur nächsten Schokowaffel - der Rhythmus wiederholte sich in Endlosschleife, bis die Packung leer war. Das war bei 400 Gramm Inhalt eine schier unmögliche, nervenaufreibende Herausforderung für mich, die ich damit verkürzte, ihn erfolgreich zu fragen, ob er mir ein paar abgibt. So endete meine Folter früher, als sie es sonst getan hätte.

Und so wie ich jetzt diese Menschen schildere, werden sie wohl die eine oder andere Anekdote über mich auf Lager haben, der Chaotin mit den wochenends verwahrlosten Kindern, die in ihrem ganzen Leben keinen Frühbucherbonus bekommen wird.

© Eva Daspelgruber 21.06.2020

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