Das Hauberl

Eigentlich war es ein ganz normales Hauberl. Eines von tausenden, denen man dank der unfreundlichen und kalten Witterung der vergangenen Tage in allen erdenklichen Formen und Farben begegnete. Gestrickt mit einem gewaltigen Pommel an der Spitze. Die Kopfbedeckung war hellgrau, offenbar aus sehr weicher Wolle - und trug als Krönung einen riesigen Bommel aus Silberfuchs am oberen Ende. An der Stirnfront funkelnder Glitzer .

Die Trägerin saß mir gegenüber.

Was meine Aufmerksamkeit erregte war wohl der unglaubliche Kontrast zwischen dem hellen, fröhlichen, glitzernden Mützchen und dem müden, faltendurchzogenen, traurigen, fahlen Gesicht welches vom Strick umrahmt wurde. Unbeweglich sass Die be"hütete" Dame da und starrte auf das Tischtuch.

Die Tische füllten sich zusehends und man unterhielt sich angeregt mit den Umsitzenden; da es eine spezielle Veranstaltung war gab es zwischen den Besuchern eine gewissen Vertrautheit - man interessierte sich für die selbe Sache. Das erleichtert die Kontaktaufnahme auch zu Unbekannten. Das Hauberl sass alleine in Bühnennähe und war offenbar an Kommunikation nicht interessiert.

Meine Frage war: wie kam dieses Hauberl auf diesen Kopf? Dass die Trägerin selbst es erworben hätte schien mir eher unwahrscheinlich, zu heftig war der Kontrast. Hatte sie es von einer jungen Verwandten geschenkt bekommen? War es ihr in einer Wühlkiste in die Finger gekommen und so billig, dass sie es kaufte? Hatte ihr eine Freundin zu helleren Farben geraten? Hatte sie eine Schwäche für echten Pelz und der Silberfuchspommel war eine Möglichkeit dieser auch zu fröhnen? Oder war ihr einfach kalt auf dem Kopf....

Seit unserer Ankunft war gut eine halbe Stunde vergangen; langsam wurde es still im Raum - die Vorstellung begann.

Meine Hauberlträgerin rückte ihren Stuhl energisch in jene Position die ihr den Blick auf die Bühne optimal öffnete und straffte den Rücken.

Und da passierte es: den Darbietungen folgend entspannte sich ihr Gesicht zusehends - und bei einer witzigen Passage lachte sie!! Ihre Züge wurden weich, die Wangen rosig getönt. Die nach unten weisenden Mundwinkel wiesen jetzt aufwärts und die dunklen Augen funkelten lebhaft.

Jetzt war das Hauberl nichtmehr deplaciert.Es umrahmte ein fröhliches, lebendiges Gesicht; die glitzerneden Buchstaben erhöhten noch den positiven Gesamteindruck - rundum erfreulich.

Nachdenklich überlegte ich wie unberechtigt eine Beurteilung - alleine auf einem optischen Moment-Eindruck basierend, sein kann. Vielleicht war sie verabredet gewesen und die andere Person war verhindert. Hatte sie erst heimgehen wollen um nicht allein dasitzen zu müssen, sich dann aber dagegen entschieden? Nicht gewohnt alleine unter Fremden zu sein war ihre abweisende fast missmutige Mine lediglich Schutz?

Zu gerne hätte ich diese Frau angesprochen. Doch was hätte ich sie fragen sollen?

Wieso haben gerade Sie gerade dieses Hauberl auf?

Unmöglich

© Eva Metelka