Eine unerwartete Begegnung

Ganz nach dem von Deborah zusammengestellten Plan arbeiteten die jungen Menschen mit Down-Syndrom in der Imbiss-Stube, die eigens zum Zweck eröffnet worden war, diesen besonderen Menschen die Möglichkeit zu bieten, in die Arbeitswelt eingeführt zu werden. Deborah war stolz auf ihre Schützlinge und fühlte sich mit ihrer Arbeit genau am richtigen Platz. Man könnte fast sagen, es sei so etwas wie eine Berufung.

Während Deborah geschäftig und liebevoll zwischen ihren „Lehrlingen“ hin- und herlief, um alles unter Kontrolle zu haben, hielt sie unversehens inne. Wie aus dem Nichts stand plötzlich eine Person vor ihr, deren Anblick sie gedanklich und gefühlsmäßig zurück in eine längst hinter sich gelassene Zeit beförderte: Von einer Sekunde zur anderen rissen alte, vergessen geglaubte Wunden wieder auf und sie sah ihre Schulzeit am Gymnasium vor ihrem inneren Auge ablaufen, als sie dieser Professorin, die nun vor ihr stand, niemals zu genügen schien. Es tat ihr heute noch weh, daran zu denken, dass sie von dieser Lehrperson so anders eingeschätzt worden war, als sie tief in ihrem Wesen in Wirklichkeit war. „Professoressa Rossi“ (ich habe den Namen aus Gründen des Datenschutzes und Respekts gegenüber der betreffenden Person geändert) hatte dem Mädchen damals die Etikette der Oberflächlichkeit aufgeklebt und sich keineswegs bemüht, ihr wahres Sein zu sehen. Deborahs Groll saß tief.

„Sie sind doch Frau Professor Rossi?“ stammelte Deborah, um sich irgendwie aus der peinlichen Situation zu retten. Die Lehrerin bejahte, erkannte Deborah jedoch nicht bzw. konnte sich nicht wirklich an sie erinnern, fragte sie aber doch, was sie hier mache. „Ich arbeite hier“, antwortete Deborah höflich, wenn auch ein wenig verlegen, und berichtete von ihrem Aufgabenbereich. „Und was führt Sie hierher zu uns?“ wollte Deborah wissen.

„Ich bin hier, um mich in Bezug auf Arbeitsmöglichkeiten für meinen Sohn zu informieren“, erwiderte sie, um anschließend hinzuzufügen: „Warst du eigentlich in einer der Klassen, mit denen ich es bereits schaffte, über meinen behinderten Sohn zu sprechen?“ „Nein“, murmelte Deborah betroffen. Und auf einmal wurde ihr klar, dass ihre ehemalige Professorin damals mit einer großen, persönlichen Schwierigkeit rang, die es zu überwinden galt, nämlich sich selbst als Mutter eines Kindes mit Behinderung zu akzeptieren.

Deborah konnte die Lehrerin nun zum ersten Mal in all ihrer unvollkommenen Menschlichkeit erkennen und es war keine Spur von Groll in ihrem Herzen zurückgeblieben. Stattdessen machte sich unendliches Mitgefühl in ihrem Inneren breit.

Ich hatte vor Rührung Tränen in den Augen, als meine Tochter Deborah mir von dieser unerwarteten Begegnung erzählte. Sie hatte nämlich eine der edelsten Tugenden in ihrem jungen Herzen erfahren: die Schönheit aufrichtigen Verzeihens.

© Evelyn M. Cambareri-Rachbauer