Lufti

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Lufti | story.one

Ein kalter Herbsttag. Zu kalt für Ende September. Die Heizung ist angeschaltet. Ich sitze mit meinen Freunden auf dem Teppich und weltbewegende, politische Themen werden diskutiert. Die Notstandsgesetze -da muss was getan werden, sonst hat die Regierung zu viel Kontrolle, der Paragraph 175 - höchste Zeit aus dem Sumpf alter Konventionen herauszukommen, Emanzipation – endlich Freiheit für die Frauen und die Selbstbestimmung über ihren Körper. Wir rauchen und lassen die Lambrusco-Flasche kreisen. Wir werden die Welt verbessern, wenn nötig mit Gewalt.

Der Wind pfeift ums Haus. Ein kleiner gelber Schmetterling flattert außen an der Fensterscheibe. Robert öffnet das Fenster und der Winzling wird vom Wind ins Zimmer geweht. Erschöpft setzt er sich auf meine Hand und genießt die Wärme.

Plötzlich ändert sich das Thema. Alle interessieren sich nur noch für das kleine Tier, jeder möchte es einmal auf der Hand spüren, dieses gewichtslose Wesen. Herbert erklärt ihn zu einem Kohlweißling, was von Fritzi sofort dementiert wird. Ein Lexikon wird geholt, Fritzi hat Recht, es ist ein Zitronenfalter. Die Zitronenfalter erreichen eine Lebensdauer von zwölf Monaten steht da, und: er ist der einzige mitteleuropäische Schmetterling, der an einem Ast hängend, oder im Laub den Winter überlebt. Er hält Temperaturen bis zu minus 20 Grad aus. Eine Diskussion entsteht, ob wir ihn nicht besser wieder in die Natur entlassen sollten. Es wird abgestimmt. Eindeutiges Ergebnis: Er bleibt. Wir werden ihn über den Winter bringen und im Frühjahr wieder in die Freiheit entlassen! Was interessiert uns jetzt noch Politik? Wir haben ein Lebewesen zu retten!

Jetzt muss er nur noch einen Namen bekommen. Wir entscheiden uns für „Lufti“ und taufen ihn mit einem Wassertropfen. Fröhlich kreist die Weinflasche.

Jetzt geht es um die nächste Frage: die Unterbringung und Ernährung. Wieder wird das Lexikon zu Rate gezogen. Inzwischen hole ich aus der Küche die riesige Käseglocke, die meine Mutter zum Geburtstag im Januar bekommen hatte. Jetzt hat sie ihre Bestimmung gefunden!

Michi ist schon draußen im Garten und sammelt restliche Sommerblüten, Gras und Laub für ein gemütliches Zuhause. In einer flachen Schale stellen wir eine kleine Menge Zuckerwasser hinein. Die Käseglocke wird mit Streichholzschachteln erhöht, so dass Lufti nicht erstickt. Wir liegen vor dem Glas mit einer Lupe und beobachten fasziniert, wie er seinen winzigen Rüssel ausfährt und die Köstlichkeit einsaugt.

Wochenlang haben wir Freude an Lufti. Bis eines Tages sein Flügel verklebt ist und ein Fühler fehlt. Orientierungslos läuft er nur noch im Kreis. Er muss mit beidem in das Zuckerwasser geraten sein. Mit Tränen in den Augen beschließen wir ihn von seinen Leiden zu erlösen. Er nimmt uns die Entscheidung ab, indem er sich auf die Seite legt und stirbt. Meine coole Clique – wir weinen wie die kleinen Kinder. Er wird im Garten beerdigt. Zur Trauerfeier kreist die Lambrusco-Flasche.

© Evelyn Weyhe 14.05.2020