Das Niemandsland

Als ich mich entschloss, 2017 für meinen Bachelor in Architektur einen Bauplatz in Nicosia, Zypern zu wählen, war ich noch nicht annähernd darauf vorbereitet, was bei der Analyse dieses Landes herauskommen würde. Ich meldete mich also für die Exkursion in Zypern an, zahlte meine fünfhundert Euro für den Flug und ließ mich auf diese komplett von der Universität vororganisierte Reise ein.

Im Vorfeld informierten wir uns bereits über die Geschichte der Insel Zypern und rollten den Bürgerkrieg, der seit 1974 das Land erschütterte, in unserer kleinen Gruppe von Studenten auf. Da kamen erstmals schon einige verwirrende und empörende Emotionen auf, wenn man bedenkt, dass noch nie irgendjemand von uns von dieser Zweiteilung der Insel etwas in den Medien oder im Geschichtsunterricht gehört hatte, und doch scheinbar Nordzypern, welches von der Türkei als „Türkische Republik Nordzypern“ ausgerufen wurde, und Südzypern, welches ein Mitglied der Europäischen Union ist, noch immer im Konflikt liegen. An diesem Punkt waren wir schon sehr gespannt, wie es dann tatsächlich dort aussah und wie viel von diesem Bürgerkrieg noch zu sehen war.

Dort angekommen, schienen diese zwei Länder einer Insel normal nebeneinander zu existieren, wenn man die religiösen Provokationen mit Halbmond und Kreuz außer Acht lässt; wäre da nicht diese komische Grenze, dieses Niemandsland zwischen den Ländern, die Green Line. Verfallen, von der Natur zurückerobert, seit 1974 nicht mehr angefasst, ungesehen, ungeliebt. Von Sandsäcken, gemauerten Wällen, Metallblechen und -gittern, Hauswänden und Stacheldrahtzäunen umgeben, existiert diese „grüne Linie“ einfach. Grün, vom Marker, der sie roh auf einer Landkarte über die Insel gemalt hat, grün, von der Natur, die sie roh verschlungen hat. Sie, die Linie. Und ich, der Mensch. Nicht leicht, als Mensch in diese Linie zu treten. Doch uns, als Forschungsgruppe der Technischen Universität Wien, wurde es erlaubt, geführt durch diese Linie, eigentlich militärisches Sperrgebiet der UN, zu gehen. Ein britischer Soldat. Er führte uns durch die Green Line. Ein britischer Soldat, eigentlich friedlich. Eigentlich harmlos. Denn Friedenstruppen der UN dürfen keine Waffen tragen. Er hat auch gar nichts gegen irgendeine der beiden Seiten, ein britischer Soldat, der für den Frieden zuständig ist. Eine griechische Religionsforscherin. Sie führte uns durch die Kirchen der Südseite. Eine griechische Religionsforscherin, interessiert an allen Gotteshäusern, welche Frieden loben. Eine türkische Architektin. Sie führte uns durch das nördliche Nicosia. Sie konnte 2002 zum ersten Mal in ihrem Leben auf „die andere Seite“. Eigentlich friedlich. Ein Bürgerkrieg, 1974, der heute nur noch ein politischer Konflikt ist. Warum gibt es einen britischen Soldaten, der zwischen einer griechischen Religionsforscherin und einer türkischen Architektin ein grünes Niemandsland bewachen muss?

© Fabienne