Dornenvögel

Zu Weihnachten hab ich ein Buch bekommen. Einen Ratgeber. Wissen Sie, warum es soviele Ratgeber gibt? Weil sie nicht funktionieren. Irgendwann wird man in ferner Zukunft über diese Epoche schreiben: und es begab sich zu einer Zeit, in der in den noch verbliebenen Buchhandlungen dieser Welt niemand mehr Spinoza, Camus oder Mann las, sondern in der ein simpler 250-Seiter einem versprach, der bessere Mensch zu werden. Ein besseres Leben zu führen, noch superer zu werden als man eh schon ist, mit noch viel mehr innerer Ausstrahlung und äußerlicher Wunderwirkung. In der man überall nachlesen kann, wie man im Bewerbungsgespräch die Rucksackreise nach Thailand als Sozialstudie verkauft und beim Online-Dating den Sonntag-Abend Tatort als kulturelles Engagement in einem stilvollen Umfeld. Der Couch, so nebenbei. Aber das sagt man dann nicht. Spielen, damit man ankommt. Täuschen, weil genug nicht reicht. Charles Bukowski mit dem Saubermannimage von Helmi, den geistigen Fähigkeiten von Albert E., die Herzensgüte eines Dalai Lama... und jedes Mal, wenn wir uns selbst verlassen, ist das wie ein Dorn im Vogel, der eigentlich nur fliegen will. Paul, die beste Hälfte von allen - und ja, ich lese noch, und ja, Bücher, und ja, Kishon ist auch dabei, schmunzelt immer, wenn ich über das Leben als Mittdreißigerin in einer Zeit des Selbstoptimierungswahnsinns sinniere. Zu kritisch, nennt er das. Nachdenklich, sage ich dazu. Dann schmunzelt er weiter vor sich hin, tippt sich mit einem Finger die Brille zurecht und lässt den Blick aus unserem Wintergarten schweifen. Vögel fliegen draußen. Ohne Dorn. Schmunzeln ist übrigens so ein Wort, das ich mag. Weil ich mag, was ich mag, so einfach ist das. Manchmal fühle ich mich als menschliches Unikum, als Denkabweichlerin. Ich mag mich nämlich nicht optimieren. Ich mag auch keine Ratgeber. Ich mag im März den Duft des Frühlings und im Juli den der Nivea-Sonnecreme. Der blauen. Dem Original. Die pfeift auf alle anderen. Und ich brauche niemanden, der mir in 40 Schritten erklärt, wie man jeden Tag glücklich ist. Manchmal bin ich nämlich nicht glücklich. Eher traurig. Weil mich jemand verletzt hat oder weil ich an meine Mutter denken muss, die schon lange tot ist und ich nie mehr den Duft ihrer Haare werde riechen können. Manchmal bin ich fröhlich, weil mir etwas richtig gut gelungen ist oder ein Gespräch mit einer alten Freundin auf einmal dieses Gefühl der Nähe hergestellt hat- dieses Gefühl, verbunden zu sein, weil jeder ein bisschen sein Herz aufmacht. Und manchmal bin ich so richtig grantig- Paul macht dann eine Handbewegung, als ob er Teller fliegen lässt. Und ich mag mich so. Und manchmal, da mag ich mich nicht. Und den Paul auch nicht. Wenn wir einfach wären, wer wir sind, ohne Bedingung, vorbehaltlos, dann könnten wir endlich wieder als als Original sterben. Und nicht als Kopie. Gut genug reicht. Liebeswert und verliebenswert, genau wer wir sind. Ach Dornenvogel. Glaub das doch.

© Fanni Kumlein