Begegnung am Meer

Bangkok. Moloch. Hitze. Die Luft voller Surren und fremder Gerüche. Menschen wie Ameisen. Hinterhöfe, in denen Kinder mit leeren Cola-Dosen Fußball spielen. Es ist die Welt der Garküchen, Tuk-Tuks und der Vielfalt, weit mehr als Murray Head und Khao San. Man liebt Bangkok oder man hasst es. Ich liebe es. Dieses Kribbeln, wenn der Motor des Flugzeuges startet- diese Ruhe, die nur daraus entsteht, dass man die Aufregung nicht aushalten kann- dieser Hunger nach Leben, sehnsuchtsvoll und ehrfürchtig, weil diese Welt soviel zu bieten hat.

Vor einigen Jahren, als der Paul zwar schon der Paul, aber noch nicht meiner war, sind meine Freundin Judith und ich losgezogen, um in Thailand gute Tage zu verbringen. Wir starteten von Bangkok aus und ließen uns treiben. Es gibt dort noch Inseln, wo nach 22 Uhr kein Strom mehr fließt und wo, der Blick auf riesigen Kalksteinfelsen ruhend, man bei einem Chang-Bier die Welt daheim in weite Ferne gleiten lässt. Dahin muss man sich mit einem dieser zauberhaft anmutenden Longtailboote schippern lassen. Und dort, am Ufer des Meeres, in einer windschiefen Hütte, saß er. Wettergegerbtes Gesicht, Wind in den Haaren, ein Lächeln in den Augen. Er stammte aus Montreal, fragte nach der Uhrzeit. Wir ließen die Zeit zurück, unterhielten uns zunächst über nichtige Wichtigkeiten und wichtige Nichtigkeiten, er rauchte filterlose Zigaretten und schnippte sie davon. Das Boot fuhr ohne uns. Das nächste auch. Wir sprachen über Leonard Cohen, die Fremdenlegion, über das Sternzeichen Krebs und Steve Jobs. Wir sprachen von Traum und Trauma, der Scheidung von seiner Frau, einer Saxophinistin libanesischer Abstammung, Judiths Wunsch, die ganze Welt zu bereisen und meinem, irgendwann Gitarre spielen zu können... wir fingen an, uns Fragen zu stellen, Dinge, die man oft von seinen Freunden nicht weiß, ja nicht einmal von sich selbst ... und auch nie erfragt. Begegnungen, irgendwo im Nirgendwo- sie sind von einer Intimität, einer Verbundenheit, weil man in diesem Moment eben nur in diesem Moment lebt. Und es ist diese Allmachtsphantasie, die plötzlich aufkommt, was kostet die Welt, wir müssen nur wollen. Irgendwann kam ein weiteres Boot und wir stiegen alle ein. Während das Ufer immer kleiner wurde und das Boot durch die Wellen schaukelte, sprach keiner ein Wort.

Diese Begegnungen sind magisch. Vielleicht, weil man mit sicherer Gewissheit auf einmal fühlt, dass es ihn gibt, diesen Plan, diesen Auftrag, dieses „das ist genau mein Ding“-Gefühl. Man braucht nicht lange, um zu erkennen, das da gerade etwas Besonderes passiert- und ein ganzes Leben, um das zu vergesen.

Wir teilten ein Boot und eine Sehnsucht. Ich kenne nicht mal seinen Namen. Das macht nichts. Als wir an Land gingen, verabschiedeten wir uns. Da drehte er sich nochmal um: „Hey. Wenn du eine Frage frei hättest ... Und du bekommst die Antwort....von draußen...von da oben ...“

Ich denke immer noch darüber nach.

© Fanni Kumlein