Unter Ulmen

Wenn man die Straße, in der wir wohnen, entlang geht, gelangt man an ein Wäldchen. Es riecht nach Laub, trockener Erde und wildem Thymian. Es riecht, wie nur ein Wald riechen kann, nach Nadeln und Blätter, Wärme und Würze, nach Holz und nach Herz. Wenn man Glück hat, begegnet man einem Reh, aus weiter Ferne, aber es ist dennoch eine Begegnung. Wenn die Sonne untergeht, dann hocke ich mich manchmal hin, auf den Waldboden, grabe mit den Fingern in der Erde und schließe die Augen. Es fühlt sich warm und weich an und es stellt sich fast augenblicklich dieses Gefühl der Geborgenheit ein, wenn man sich der Stille des Waldes öffnet. Und wenn es regnet, dann saugen sich die Lungen voller Sauerstoff und man hat fast den Eindruck, als würde man irgendwo im Regenwald stehen. In diesem Wald steht eine Ulme.

Wenn man über die Blätter der Ulme streicht, sind sie ganz rau. Ich kenne sonst keinen Baum, der so raue Blätter hat. Die der Buchen sind ganz weich und zart und die der Eichen stark und fest. Die Blätter der Pappeln riechen ganz eigen - sie erinnern mich an meine Großmutter, mit der ich Pappelblätter sammelte, um diese dann in einem Buch zu pressen. Ich weiß nicht, wie lange die Ulme schon da steht. Neben ihr steht eine zweite, eine kleinere. Der Paul wusste nicht, wie sich Ulmen anfühlen. Dass sie so rau sind, hat ihn überrascht. Manchmal, wenn ich so unter den Ulmen sitze, kommt ein Mann vorbei, der in unserer Straße wohnt. Er ist alt. Manchmal geht er schnell, manchmal ist er langsamen Schrittes durch den Wald unterwegs. Neulich hat er mich da unter den Ulmen sitzen sehen und freundlich gegrüßt. Ich habe zum ersten Mal in seine Augen geblickt. Die Augen eines Menschen, der viele Blätter im Wind hat tanzen , raschelndes Herbstlaub hat fallen und Knospen hat sprießen sehen. Augen, die voller Fältchen und deren Strahlen von heiterer Gelassenheit sind. Ein Strahlen, das vielleicht nur das Alter kennt. Er nickt mir zu, geht weiter, und ich nicke auch.

Dann vergeht etwas Zeit und es wird Winter. Schnee fällt. Dicke Flocken bedecken im Nu die Straße. Paul muss Schnee schaufeln und ich ziehe los, um erste Spuren im Schnee zu hinterlassen. Da steht plötzlich der alte Mann auf der Straße und schaufelt seine Einfahrt frei. Ich gehe auf ihn zu und frage ihn, ob er Hilfe braucht. Er lächelt mich mit seinen Strahle-Augen an. “Nein, danke.“ Er legt mir die Hand auf die Schulter. „Wissen Sie, ich lebe ganz alleine. Ich habe Zeit.“ Einen Moment herrscht Schweigen zwischen uns. Es ist nicht unangenehm. Ich lächle. „Das wusste ich nicht“, sage ich dann. Ich gehe durch den Schnee heim. Leise knirscht er unter meinen Füßen. „Mit den Menschen ist es wie mit den Ulmen. Man weiß eigentlich nichts über sie. Bis man sie berührt“, sage ich zum Paul. Er schmunzelt.

© Fanni Kumlein