Da geht's um die Musik

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Da geht's um die Musik | story.one

Die Sommerferien waren da und dank des ÖBB-Ferientickets wussten meine Freundin und ich ganz genau, worauf wir Lust hatten. Raus aus unserer faden Provinzstadt im Waldviertel und rein in die Großstadt. Willkommen im Dschungel! Wie ausgehungert nach neuen Eindrücken, Erlebnissen und Wien-Feeling gingen uns die Augen über als wir durch die Parks und Straßen zwischen Hochhäusern und Straßenbahnen streiften. Die Mariahilferstraße war unser Volksfest. Wir waren jung und naiv, fühlten uns wichtig, frei und mondän. Aufgeregt und zufrieden streunten wir herum und suhlten uns in der Luft und den Geräuschen der Großstadt. Wir hatten uns nicht einmal darum gekümmert, wo wir schlafen sollten. Der Plan, wenn man ihn als solchen bezeichnen konnte, war durchmachen und in der Früh mit dem ersten Zug heimfahren. Heute ist es mir unvorstellbar, wie man soviel Motivation und Wurstigkeit aufbringen kann, aber als Teenager hat man ja bekanntlich andere Prioritäten.

Unsere war ein Punk-Konzert der Real McKenzies in der Arena am selben Abend. Als wir dort eintrafen, hatte sich an der Kassa bereits eine lange Schlange gebildet. Während des Wartens stellte sich heraus, dass wir vielleicht etwas zu jung und zu naiv waren. Nachdem wir den Eintrittspreis lasen, zählten wir nach, was in unseren Börseln vom etwas zu leichtfertig auf der verführerischen Mariahilferstraße im Virgin Megastore, Rattlesnake und H&M ausgegeben Taschengeld übriggeblieben war. "Wieviel hast du noch?" - "Und du?" - Zum Glück hatten wir bereits das Ferienticket, sonst wären wir nicht einmal mehr heimgekommen! Unser Konzertabend gestaltete sich allerdings etwas schwieriger, denn die Kohle reichte nicht für zwei Eintrittskarten. Während die Schlange vorrückte diskutierten wir über das weitere Vorgehen. "Na dann geht halt nur eine zum Konzert und die andere wartet draußen." - "Oder bleiben wir alle zwei heraußen und hören von der Ferne zu?" - "Was machen wir jetzt?" Eine Entscheidung musste getroffen werden, bevor wir an der Reihe waren.

Da unterbrach uns ein junger Mann, der vor uns in der Schlange wartete: "Wieviel fehlt euch denn?". Wir zählten nach. Es waren ungefähr 4 Euro und ein paar Cents. Er zückte seine Geldbörse und reichte uns einen 5 Euro-Schein mit den Worten "Da geht's um die Musik und nicht um's Geld." Wir schauten ihn überglücklich an, in unseren Köpfen ertönte eine Fanfare wie in Filmen, wenn dem Protagonisten plötzlich die Erleuchtung einfährt und es kam uns vor, als könnten wir einen Heiligenschein über dem Kopf unseres unverhofften Wohltäters sehen. Wir bedankten uns überschwänglich und verbrachten einen tollen Abend.

Wenn ich heute in einer Warteschlangen vor einem Konzert anstehe, denke ich oft an dieses Erlebnis zurück und höre aufmerksam um mich, ob nicht irgendwo zwei pleitegegangene Teenager herumstehen, bei denen ich mein Karma-Konto ausgleichen kann. Oder, in anderen Worten, den wahren Geist der Rockmusik weitergeben.

© FannyR