Die Plombe vor 50 Jahren

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Kürzlich sagte mein Zahnarzt, ich hätte eine Plombe rechts unten, die sei wohl so um die 50 Jahre alt. Er erkenne das an ihrer Lage. Sie konnte nur deshalb seitlich im Zahn implantiert werden, weil der Stockzahn nebenan noch nicht nachgewachsen war. “Sie müssen etwa sechs Jahre alt gewesen sein.”, meinte der Doktor.

Kaum hatte er mir das erklärt, hatte ich die Bilder aus einer längst versunkenen Zeit vor meinen Augen. Und einen sehr speziellen Duft in der Nase. Ich sah ein kleines Mädchen vor mir. Sie trug einen kurzen grauen Rock mit breiten Trägern, einen gestreiften Pullover, und ein Paar kleine schwarze Stiefel. Und sie ging an der Hand einer zierlichen Frau. Die trug auf dem Kopf einen Hut und führte das Kind energischen Schrittes durch die Münchner Innenstadt.

Tante Liese war eine Schwester meiner Oma. Und das kleine Mädchen war ich. Tante Liese war es, die mir die Münchner Innenstadt zeigte. Damals war es noch unfreundlich dort, zumindest für ein kleines Mädchen wie ich es war. Stinkende, lärmende Autos, die vorwiegend im Stau standen. Wohl deshalb packte mich meine Tante bei jedem Spaziergang energisch und fest an der Hand. Mir ist, als erinnerte ich mich an diesen Händedruck. Und an den Duft, der von meiner Tante ausging – der Duft von 4711 – Echt Kölnisch Wasser.

Tante Liese war es, die mich zum Zahnarzt brachte. Ich glaube mich zu erinnern, dass ich ihn nett fand und dass ich keine Angst vor ihm hatte. Obwohl er mir sicher zumindest einmal weh getan hat, nämlich an dem Tag, als er mir diese Plombe einsetzte. Sollte es wirklich geschmerzt haben - nichts davon weiß ich noch. Aber an etwas anderes erinnere ich mich: Nach den Zahnarztbesuchen ging meine Tante mit mir in ein Zuckerlgeschäft, wo ich mir etwas aussuchen durfte. "Als Belohnung, weil du so tapfer warst."

Heute lebe ich in Wien. Und bin froh, dass mein Zahnarzt mir erzählt hat von der Plombe, die vor etwa 50 Jahren implantiert wurde. Es ist, als hätte er eine Brücke gebaut, eine Brücke in jene versunkene Zeit, in der meine kleine Großtante mich mit festem Händedruck durch die Straßen der Münchener Innenstadt führte, an der Frauenkirche vorbei zum Zahnarzt, der sich so gut um meine Zähne gekümmert hat, und anschließend in das kleine Zuckerlgeschäft, wo ich mir etwas aussuchen durfte.

© Fany_Dierl 24.11.2019