You may say I'm a dreamer

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Ein Dienstagmorgen im Dezember. "Aha, alle schon da", denkt sie gelangweilt, "alles wie immer." Noch hat sie keine Ahnung.

Sie gesellt sich zu dem Grüppchen an der Bushaltestelle, wo sich kleine und größere Gestalten dicht aneinander drängen. Alle tragen Anoraks. Alle, außer ihr. Sie ist, sie will anders sein. In ihrem schlabbrigen, grauen Pullover, den ausgefransten Jeans, und mit dem Schal in dramatischem Rot gelingt ihr das leidlich. Ihre Miene ist ernst, ihr Blick oft auf den Boden geheftet.

Dieses „Cowgirl“ bin ich. Ich bin 18. Und mit Dingen beschäftigt, von denen niemand was ahnt. Statt mich auf Schularbeiten vorzubereiten, träume ich davon, in Amerika Pferde zu züchten, klimpere romantisches Zeug auf der Gitarre oder stecke die Nase in Bücher. Zur Zeit lese ich eine Biographie über Mahatma Ghandi. Ich höre Musik von ABBA bis Zappa. Und Lennon. John Lennon ist einer meiner Idole. Ich träume von einer friedlichen Welt und habe vor zwei Monaten dem neuen Mathelehrer den Krieg erklärt. Der weiß nichts davon, aber ich weiß es, und das reicht auch fürs Erste.

„Hallo Fany“, begrüßt mich Dora, meine älteste Freundin. Ihr Blick ist anders als sonst. Sie sagt: „Das mit dem John Lennon ist schon arg, oder?“ Entgeistert schau ich sie an. „Was ist mit John Lennon?“ „Hast du es nicht gehört?“ „Nein. Was?“ „John Lennon ist tot.“ „Was? John Lennon ist tot?“

Ich erstarre. John Lennon kann nicht tot sein. Ich führe Zwiegespräche mit John Lennon. Ich singe mit John Lennon „Imagine". Und jetzt soll er tot sein? Ich grinse. „Geh bitte!“, sage ich. „Aber es ist wahr“, sagt Dora. Und weil andere zustimmend nicken, muss ich es glauben. Der Bus kommt. Wir klettern hinein.

Im Bus ist es warm. In mir wird es kalt. „Was ist passiert?“ frage ich Dora. „Er wurde erschossen.“ „Aber warum?“ „Das weiß man noch nicht.“ „Wo?“ frage ich. „In New York.“ „Aha. In New York.“ wiederhole ich leise, mechanisch. Die Kälte legt sich um mein Herz.

In der Schule ist alles wie immer. Bis Punkt acht ein Gewusel in den Gängen, dann Gemurmel in den Klassenräumen. In der dritten Stunde haben wir Mathematik. Der Mann, dem ich den Krieg erklärt habe, ahnt nichts davon und glänzt abermals durch dumme Sprüche. Ich lasse ihn. Durch meinen Kopf kreist nur eine Frage: Wieso wird einer wie John Lennon ermordet? Das kann nicht sein! Ich bin wie erstarrt, und ich friere. Niemand scheint es zu bemerken. Nach der fünften Stunde fahre ich so schnell wie möglich nach Hause.

Am Abend höre ich Pop nach 8 auf Bayern 3. Sie spielen Musik von Lennon, McCartney, der Plastic Ono Band. Thomas Gottschalk und Fritz Egner erzählen. Von den Beatles, der Trennung, dem Zorn der Fans auf Yoko Ono, vom Protest Lennons gegen den Vietnamkrieg. Die Stimme von Gottschalk klingt heute anders. Nicht so aufgezogen wie sonst. Gedämpft. Gebannt lausche ich. Irgendwann begreife ich: Gottschalk und Egner sind auch geschockt und betroffen. Das ist ein Trost. Ich verstehe: I’m not the only one. Und endlich kann ich auch weinen.

© Fany_Dierl