Gott sei Dank!

1972. Mit Religion hatten wir nichts am Hut. Der Grund dafür hieß Pater Pius. Ein gedrungener, glatzköpfiger Schulpfarrer, der uns oft mies gelaunt gegenüber trat und seinen Unterrichtsstoff emotionslos abspulte. Er trug den zweiten Brief des Paulus an die Korinther dermaßen tonlos vor, als würde er den Beipackzettel einer Packung Aspirin lesen.

Wer sonntags nicht in der Kirche war bekam von ihm ein Minus. Und wer beim U-Hakerl-Schießen irrtümlich den Pfarrer traf, musste raus zum Lehrerpult. Pater Pius nahm ein Ohrläppchen des Unglücksschützen zwischen Daumen und Zeigefinger und rieb ganz fest für einige Sekunden. So manches Ohr glühte dann die ganze Stunde und dennoch hatten wir als damals 12jährige unseren Spaß.

In der Pause vor jeder Religionsstunde eilten zwei aus der Klasse ins Lehrerzimmer und holten die große Schublade mit rund 30 Gebetbüchern. Es wurden rasch 2 Mannschaften zu je 4 Buben gewählt. Die einen postierten sich entlang der Tafel, die anderen hinter der letzten Bankreihe. Jeder hatte 3 bis 4 Gebetbücher bei sich. Die Schlacht begann. Unter tosendem Geschrei befetzten wir einander was das Zeug hielt. Ein Schriftführer saß am Rande des Klassenzimmers und notierte die Treffer: Körpertreffer 1 Punkt, Kopftreffer zählten doppelt. Ab 5 Punkten gab es entweder 1 Packung Tutti-Frutti oder 2 BAZOKA Kaugummi! Diese Prämie wurde aus unserer geheimen Klassenkassa finanziert.

Sobald der Türsteher sein "ACHTUNG, da Pfora kummt!" in die Klasse brüllte, brachen wir ab. Blitzartig wurden die zum Teil arg ramponierten Bücher eingesammelt und in die Schublade auf dem Katheder geschmissen. Den ungeordneten Haufen an Gebetbüchern nahm Pater Pius zwar mit strengem Blick aber kommentarlos zur Kenntnis. Zwei Mädchen aus der ersten Reihe teilten die Bücher aus.

„Als erstes singen wir heute ein Lied“ begann der Pfarrer und blätterte in seinem persönlichen Gebetbuch, das er stets bei sich trug. „Nun danket alle Gott ... Seite 252“. Seitenrascheln vermischte sich mit Gemurmel und leisem Kichern. Pater Pius mahnte zur Ruhe und begann zu singen. Die vielen Schlachten hatten mit der Zeit auch ihre Spuren hinterlassen, was einmal mehr an den zerfetzten Blättern, die zwischen den Bänken lagen, zu sehen war. Einige fanden die aufgerufene Seite 252 nicht und blieben einfach stumm. Nach und nach verstummten immer mehr, bis zuletzt Pater Pius ganz alleine "Gott dankte".

2019. Einen Religionsunterricht wie damals unter Pater Pius wird es heute - Gott sei Dank - nicht mehr geben. Dennoch finde ich Religion als Unterrichtsfach obsolet. Wir leben in Zeiten, in denen vermehrt Menschen aus unterschiedlichsten Kulturkreisen zusammentreffen, miteinander kommunizieren und nebeneinander wohnen. Der gegenseitige Respekt und das Miteinander sollten dabei stets über jeder Religion stehen. Ein gemeinsamer, verpflichtender Ethikunterricht an allen Schulen ist daher längst überfällig.

© Feire