Im Café Tomaselli

Die Pflastersteine am Alten Markt waren noch feucht von der morgendlichen Reinigung, während die Sonne bereits kräftig die ersten Gäste auf der ebenerdigen Terrasse des Café Tomaselli begrüßte. Vertieft in Zeitungen oder Gesprächen wurde hier gemütlich gefrühstückt.

Vor dem Eingang trippelte eine Gruppe Japaner mit ihren Selfie-Sticks vorbei und dokumentierte die Salzburger Altstadt. Ob die sich zuhause auch mit so kleinen Schritten fortbewegen dachte ich und wartete, bis die Abordnung aus dem Reich der Sonne an mir vorbei zog. Plötzlich vernahm ich eine mir vertraute Stimme. „Meine Verehrung Herr Christian!“ Von der Terrasse winkte Oberkellner Alfred mit einladender Geste: „Ihr Tisch beim Zeitungsständer wäre frei! Ein Kleiner Brauner mit Soda-Zitron'?“ „Grüß' Sie Herr Alfred, vielen Dank, heute bitte einen Großen.“

Wenn sich draußen ein heißer Tag ankündigt, liebe ich die morgendliche Kühle im prachtvoll holzvertäfelten Parterre des seit 1705 bestehenden Kaffeehauses. Ich nahm die „Salzburger Nachrichten“ vom Zeitungsständer und machte es mir auf der gepolsterten Bank bequem. Gerade einmal auf Seite 2 angelangt, wanderte meine Aufmerksamkeit ungewollt in die Unterhaltung eines betagten Ehepaares am Nebentisch. Der Mann, dessen Hörapparat offensichtlich nicht funktionierte, fragte bereits zum dritten Mal unüberhörbar seine Frau: „Wer wird dort daschlog'n?“. Die Dame antwortete mit ihrem Ellenbogen gegen seine Rippen und setzte lautstark nach: „Da drüben, die Japaner, die daschlog'n sie no gegenseitig mit ihren Handy-Stang'ln!“

In der Mitte des Cafés saßen fünf Japanerinnen dicht gedrängt an einem kleinen Marmortisch und hantierten allesamt kichernd mit den Selfie-Sticks. Die wunderbaren Tortenstücke und heißen Schokoladen vor ihnen waren unberührt.

Ich schüttelte den Kopf und widmete mich wieder der Seite 2. „Ein Großer in Braun bitte sehr und die Zitronenperlen“. „Danke Alfred.“ Jetzt winkte die Dame vom Nebentisch Herrn Alfred zu sich und fragte: „Herr Ober, song's, sind die Japaner nur zum Fotografieren do? Die hab'n no nix probiert!“ Oberkellner Alfred versuchte sich diplomatisch und entgegnete: „Gnä' Frau, bei denen geht's oft ruck-zuck. Die bestellen, bezahlen und schon sind's weg.“

Ich versuchte abermals den Artikel auf Seite 2 zu lesen, da wurde es erneut laut am kleinen Tisch der Japanerinnen. Zwei sprangen hektisch auf, nahmen stehend einen Schluck Schokolade, während die anderen noch rasch von einem bis jetzt unberührten Himbeertörtchen probierten und im Nu verließen alle wie aufgescheuchte Hühner das Café. Die Dame neben mir bemerkte verblüfft und so laut, dass es nun auch ihr Mann sofort verstand: „Des gibt’s net, der Ober hat recht!“ Ich war nach wie vor auf Seite 2, klappte aber resigniert die Zeitung zu und erfrischte mich mit einem großen Schluck Soda-Zitron' von der japanischen Demütigung der österreichischen Kaffeehauskultur.

©Foto: Café Tomaselli

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