Karlheinz Böhms letzte Rolle

Ich saß am Büroschreibtisch und korrigierte meinen Text für eine Anzeige im "WIENER". Der Abgabetermin rückte näher und irgendwie passte mir die Headline noch nicht. Unzufrieden mit dem Ergebnis zerknüllte ich das Blatt und warf es an die gegenüberliegende Pinnwand, von der es weiter in den Papierkorb segelte. Wenigstens das hat geklappt, dachte ich genervt.

Vom Gang her hörte ich Schritte, begleitet von einem anschwellenden Stimmengewirr, welches Agenturboss und Geschäftsführer ankündigte. Bevor ich noch einen Gedanken fassen konnte, ob die Abordnung zu mir wollte, öffnete sich meine Zimmertür und drei strahlende Gesichter blickten mich an. Während der Boss noch eloquent über die aktuellen Agenturerfolge referierte, ehe er zur Vorstellung des Gastes kam, traute ich meinen Augen nicht. Natürlich war ich über das bevorstehende Projekt für "Menschen für Menschen" informiert und dass auch ich, als jüngster im Team, mitarbeiten durfte. Aber es gab keine Details, bloß Gerüchte über eine Benefizvorstellung am Theater in der Josefstadt.

Mit einem strahlenden Lächeln reichte mir Karlheinz Böhm die Hand. In der Sekunde hatte ich Bilder aus den Sissi-Filmen vor mir und sah unseren Gast in galanter Kaiseruniform. Das gibt's ja nicht, der Franzl persönlich ... fuhr es mir schelmisch durch den Kopf.

Während nun der Geschäftsführer lobende Worte über die Kreativabteilung flötete, beruhigte sich meine kindliche Fantasie. Karlheinz Böhm spielte grade die Hauptrolle in dem Stück "Der Schwierige" von Hugo von Hofmannsthal. Die Direktion der Josefstadt und die Schauspielkollegen hatten sich bereit erklärt, eine Sondervorstellung zugunsten seiner Äthiopienhilfe zu geben. Mit weicher Stimme, in der ein wenig Melancholie mitschwang, schilderte Karlheinz Böhm, dass die Rolle des "Schwierigen" sein letzter Bühnenauftritt als Schauspieler ist. Seine Energie wird künftig ausschließlich in die humanitären Aufgaben in Äthiopien fließen. "Aber ich werde nichts vermissen, denn ein Menschenleben zu retten bedeutet unendlich mehr als alle Erfahrungen, die ich als Schauspieler gemacht habe". Weise Worte, ganz selbstverständlich ausgesprochen.

Die folgenden Wochen vergingen wie im Flug. Besprechungen im Theater, Kartenkontingente und Preise wurden festgelegt, Einladungen getextet, die Presse informiert ... Am 26. Oktober 1983 war es dann soweit. Die Josefstadt war nahezu ausverkauft und die künstlerische Darbietung von einem nicht enden wollenden Applaus und leisem Wehmut begleitet. Selbst so einzigartige Größen wie Vilma Degischer oder Susanne von Almassy traten in die zweite Reihe und überließen dem "Schwierigen" die Bühne.

Bei der anschließenden Feier in den "Sträußelsälen" lehnte ich mich erleichtert an eine der Säulen und beobachtete die Menschen. Ich genoss den Moment von vorhin, dem etwas Epochales anhaftete und bewunderte insgeheim den Mut des "Schwierigen".

© Feire