Neben Oskar Werner im Café Hawelka

Ein nasskalter Novembertag, kurz vor 19.00 Uhr. Auf den ersten Blick war das Hawelka bis auf den letzten Thonet-Sessel dicht gefüllt. Unter einer blauen Dunstwolke verweilte ich kurz beim Zeitungstisch und sah Frau Josefine, dicht gefolgt von ihrem Mann, dem Ausgang zusteuern.

Um diese Zeit war Schichtwechsel. Leopold Hawelkas Frühschicht war zu Ende und wie so oft musste er von seiner Frau aus dem Lokal gescheucht werden. Als Cafetier mit Leib und Seele verlässt man eben nur ungern sein Wohnzimmer. Aber Josefine Hawelka, die Prinzipalin der Nacht, ist unerbittlich. Mit "Jetzt geh' endlich ham, dein Essen wartet, husch, husch ...!" schob sie ihren Mann bei der Schwingtür hinaus und kümmerte sich sogleich um mich.

"Do drüb'n hob i glei' ein Platzerl für Sie". Frau Hawelka schlichtete unnachahmlich ein paar Studenten enger zusammen und ich war glücklich, in einer anderen Welt zu sein. Ober Engelbert servierte mir einen großen Mokka samt Birnenschnaps. Mit den Gedanken noch in der Agentur beobachtete ich das turbulente Treiben im Café. Die Espressomaschine zischte auf Höchsttemperatur, das Dampf'l für die berühmten Buchteln war noch in Vorbereitung.

Erst jetzt vernahm ich bruchstückhaft klassische Musik. Hört hier jemand Mozart? Ich blickte neugierig über meine Schulter zum Nebentisch. Dort saß ein älterer Mann völlig in sich versunken, mit wirrem Haar, leicht vorgebeugt und mit dem Kopf wippend. Auf seinem Tisch stand ein altes Transistorradio aus dem tatsächlich Mozart klang. Seine Linke umklammerte einen gut gefüllten Cognac-Schwenker, mit der anderen dirigierte er zur Musik. Niemand außer mir beobachtete ihn und ich konnte meinen Blick nicht abwenden, weil ich plötzlich etwas ahnte. Auf einmal hörte ich seine Stimme. Etwas brüchig aber unverkennbar das Timbre: "Wo san denn de Geig'n … kummt's, kummt's, kummt's!"

Mich traf ein Blitz. Er ist es tatsächlich. Oskar Werner. Am Nebentisch sitzt der ehemalige Burg- und Weltstar. Offensichtlich schwerst gezeichnet von unzähligen Enttäuschungen, die er, der stets kompromisslos bis zur Selbstzerfleischung für seine Art von Kunst gekämpft hat, erleiden musste. Welch unerbittliche Kämpfe hat dieser Mann mit sich und der Welt wohl ausgetragen, dachte ich und nippte an meinem Mokka.

Oskar Werner nahm sein Glas und leerte es in einem Zug. Unweigerlich musste ich an die Filmszene aus dem „Narrenschiff“ denken. Dort zerbricht er vor Wut einen Cognac-Schwenker. Doch diesmal blieb das Glas unversehrt. Auch ich leerte nun in einem Zug meinen Birnenschnaps, der wunderbar wärmte. Auf einem ihrer Rundgänge bemerkte Frau Hawelka meine Beobachtungen. Mit einem vielsagenden Lächeln kam sie an meinen Tisch und beugte sich zu mir herab: "Mozart, Nummer 17 … dieses Konzert hört er besonders gern." Ich nickte ihr verständnisvoll zu und bestellte noch einen Birnenschnaps, den Herr Engelbert mit einem Augenzwinkern galant servierte.

© Feire