Die Seelenwäscherei

Der Moment, wenn sich die Welt in dem kleinen Tröpfchen zu spiegeln beginnt, sich verdoppelt und verdreifacht, und schließlich alles verschwimmt.

In meinem Kopf überschlugen sich die Gedanken, gingen drunter und drüber, prallten gegeneinander und verursachten neue Unklarheiten. Das Ganze schwächte mich seelisch so stark, dass ich schlussendlich darum kämpfen musste, nicht in Tränen auszubrechen. Ich spürte, wie sie kamen, starrte vorbeugend in die Ferne, doch trotz kontinuierlichem Klimpern mit den Wimpern füllten sich meine Augen immer weiter mit Salzwasser. Ich riss die Augen ruckartig auf, nur um gleich darauf die Augenlider fest auf den Augapfel zu pressen. Die Flüssigkeit klebte sich an meine Wimpern, doch als ich erneut Licht in meine Augen ließ, kam wieder Wasser nach und es drohte überzulaufen. Und dann kam der Moment, ich konnte ganz deutlich spüren, als die erste Träne begleitet von einem leichten Kitzeln sich der Schwerkraft hingab und meine Wange hinunter kullerte. Jetzt hatte ich verloren, und der ersten Träne sprangen die nächsten nach, hüpften, fröhlich über mein Leid, mein Nasenbein entlang, machten Flugrollen von meinem Kinn, um auf meiner Schulter wieder zu landen. So brach ich in Schluchzen aus, zog den salzigen Rotz durch die Nase, schluckte ihn hinunter, und plötzlich war es mir egal, dass ich weinte, ich wehrte mich nicht mehr, gab den Tränen alle Freiheiten und ließ es über mich ergehen. Es war, als würde es alles Böse aus meinem Hirn spülen, in den hintersten Kammern aufwaschen und jedes ekelhafte Gedankenkorn mitreißen. Mit jedem Tropfen, der von mir sprang, fühlte ich mich ein bisschen leichter, der Druck senkte sich, bis sich schließlich sogar mein Herz öffnete. Und so saß ich da, mit feuchten Augen, hatte vergessen, was eigentlich mein Problem war, und begann schließlich zu lächeln. Zuerst nur ganz sanft, doch dann besann ich mich, wie dumm ich war, mein eigenes Problem zu vergessen, und da zeigten sich selbst meine blitzplanken Zähne und strahlten mit mir um die Wette.

Warum hatte ich meinem Köper das Weinen so lange verwehrt? Warum habe ich es denn nicht schon früher zugelassen? Warum lehrt einem niemand, dass das Weinen so glücklich macht?

© Felicitas Beryl Marti