Die Verschwörer, die keine waren

Als ich mich neulich zu vorgerückter Stunde mit einem Buch aufs Sofa zurückziehen wollte, kam die Whatsapp von S.: „Kannst du mir das korrigieren. Ich brauch das bis morgen. Bitte.“

S. ist meine syrische Nachhilfeschülerin, ursprünglich aus Damaskus. Sie ist 16 und kämpft sich gerade durch die dritte Klasse der Mittelschule. Ich rechne ihr das hoch an. Denn einfach hat sie es da nicht. Durch den Krieg in Syrien hatte sie kaum Schulkenntnisse, als sie vor 2 Jahren hierher nach Tirol kam. Ihr Englisch war bis vor einem Jahr so gut wie nicht vorhanden. Außerdem war Deutsch erstmal wichtiger.

Aber sie ist halt 16, schlau, bequem, socialmediafixiert, was soll man sagen. Sie macht immerhin alles, was die Lehrerinnen so verlangen. Aber wenn ich es zulassen würde, dann ließe sie mich die Deutsch-u. die Englischhausaufgaben alleine machen, so nach dem Motto: Ich hab ja noch all die anderen Fächer. Meine Beschwörungen, dass ihr das nicht wirklich hilft, weil ich ja schon echt gut Deutsch und Englisch kann, sie aber nicht, kommen nur sporadisch an. Sie versucht es immer wieder mit: „Kannst du mir das machen.“

Ich schaute die Whatsapp-Anhänge durch, die sie mir geschickt hatte. Adieu, du mein geliebter Krimi. Das waren 6 umfangreiche Arbeitsblätter, die zu korrigieren waren. Mein Blick fiel gleich auf die zweite Aufgabe. Offenbar sollten da aus einer Lektüre Schlüsselstellen exzerpiert werden. Es musste in der Lektüre um Barack Obama gegangen sein. Mit Füller hatte S. geschrieben: „…lived in the neighbourhood of plotiticians, doctors and lawyers.”

Ich las es wieder und wieder. Gab es das Wort ‚plotiticians‘ wirklich? Mein Englisch ist gut. Aber wie oft begegnen einem Wörter, bei denen man nachschlagen muss und dann denkt – tatsächlich, gibt’s, nie vorher gehört. Ich begann in den einschlägigen Onlinewörterbüchern herumzusuchen. Aber kein ‚plotitician‘ weit und breit. Es gibt ‚plot‘, und das heißt eben auch ‚Verschwörung‘. Manchmal steht man wirklich auf der Leitung, grade am späteren Abend, wenn man schon mitten in einem Krimi sein könnte, das muss ich mir zugute halten. Also wenn es nur ‚plot‘ in den Gratisonlinewörterbüchern gab - auf die man sich bekanntlich nicht restlos verlassen kann - dann wären ‚plotiticians‘ logischerweise Verschwörer. Also die Obamas lebten demnach in der Nachbarschaft von Verschwörern, Ärzten und Anwälten. Fühlen sich Verschwörer besonders wohl in der Umgebung bürgerlicher Akademiker? Ist ‚Verschwörer‘ in Amerika ein angesehener Berufsstand, so wie bei uns Oberstudienrat?

Bei mir fiel der Groschen mit einem lauten Scheppern: S. hatte ‚politician‘ schreiben wollen, völlig klar. Und wenn man nur am Anfang das o und das l vertauscht und irgendwie noch ein t hineinflickt, dann ist man bei Verschwörern, statt bei Politikern. Wer hätte das gedacht, dass im Englischen diese beiden so nahe beieinander liegen. Na ja, wenn man sich es recht überlegt und anschaut, was unsere Politiker hier so treiben...

© FelixLaner