War ich auf dem Mont Blanc?

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War ich auf dem Mont Blanc? | story.one

Wer einen Hang zum Bergsteigen hat, will auf den Mont Blanc. Das ist eine Art Naturgesetz. Natürlich auch auf den Mount Everest, aber das ist für die meisten nicht leistbar, bleibt ein Traum. Der Mont Blanc hingegen, das muss sein, das geht. Das ist Frankreich und Italien, nicht Himalaya.

Meine damalige Freundin kam aus Polen. Sie hatte vorgeschlagen mit einer polnischen Gruppe auf den Mont Blanc zu gehen, das sei viel billiger. Sie hatte recht. Von den acht Leuten plus zwei Bergführern, die dabei waren, außer mir alles Polen, sprachen die meisten einwandfrei Englisch, also auch für mich keinerlei Verständigungsproblem. Nur der gute Preis hatte einen Haken: wir schliefen in Zelten, nicht in Hütten. Der Nachteil wurde einem bald klar - es ist dauernd erbärmlich kalt, wirklich dauernd.

Wir betrieben eine Woche Akklimatisierung, mehrmals weit hoch und wieder herunter, sogar auf den Gran Paradiso, um uns an die Höhe zu gewöhnen. Dann folgten zwei Tage zermürbender Wartezeit wegen plötzlichen Schneefalls. Wohlgemerkt, im August! Wir harrten auf 3200 m Höhe, unterhalb von uns die Tête Rousse-Hütte, im Zelt auf die erlösenden Worte Adams, unseres Bergführers, dass es endlich weiterging.

Dann kam das Zeichen zum Aufbruch, das Wetter versprach Besserung. Wir stiegen auf zur Goûter-Hütte, schlugen oberhalb davon, auf etwa 3900 m, unsere bescheidenen Zelte auf. Am nächsten Morgen um 3 Uhr sollte es auf den Gipfel gehen. Unsere fünf Zelte standen dicht beieinander, Adam gab oft abends vor dem Schlafengehen letzte Anweisungen für den Folgetag durch die Zeltwände hindurch, so musste niemand mehr hinaus. Er gab diese immer auf Polnisch, um sicher zu gehen, dass es alle mitbekamen. Meine Partnerin übersetzte mir dann. An diesem Abend hieß es: 'Morgen Eispickel oder Stöcke'. Wir beide entschieden uns für Stöcke, weil sie als Gehhilfe praktischer sind.

Am nächsten Morgen stiegen wir schwer atmend mit der endlosen Karawane der Gipfelstürmer bei völliger Dunkelheit, nur ein Meer von Stirnlampen sichtbar, auf in Richtung Dôme du Goûter, ließen diesen hinter uns, passierten die Vallotbiwakschachtel. Welch eine Kälte! Auf der letzten Schulter am Gipfel ließ Adam uns zurück und ging voraus. Er war bald wieder zurück und befahl: 'Oben ist Sturm, Rucksäcke und Stöcke da lassen, Eispickel raus!' Ich glaubte mich verhört zu haben, sah unsicher zu meiner Partnerin. Ich stapfte zu Adam, wies ihn darauf hin, dass er abends zuvor zur Wahl gestellt hatte, Stöcke oder Eispickel. Er war kurz angebunden, Eispickel und Stöcke habe er gesagt, nicht oder. Mir war zu kalt zum Diskutieren, dazu heulte der Sturm, dass man kaum ein Wort verstand. Adam blieb unerbittlich, ohne Pickel kein Gipfelplateau. Also blieben wir beide, meine Freundin und ich, ein paar Meter unterhalb vom Gipfel, während die anderen aufstiegen.

Und so kommt es, dass ich bis heute, 15 Jahre später, nicht sicher bin, ob ich wirklich sagen kann: Ich war oben, auf dem Mont Blanc, dem Bianco.

© FelixLaner 16.06.2020