Begegnung am Busbahnhof

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Begegnung am Busbahnhof | story.one

Der Busbahnhof war leergefegt. Kein Postauto, keine Reisenden. Nur ein alter Obdachloser wühlte in seinen Taschen als suche er etwas Bestimmtes. Er fluchte vor sich hin. Dann hatte er mich entdeckt. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie er mit den Händen wild gestikulierte. Kein Zweifel, er meinte mich. Zunächst sah ich weg, dann überwand ich meine Scheu und ging auf ihn zu. Mensch bleibt Mensch, dachte ich.

Der Mann wischte mit einem Arm sein Hab und Gut zur Seite und lud mich ein, auf seiner Bank Platz zu nehmen. Ich zündete mir eine Jonny an und hielt ihm die Packung hin. Mit zitternden Fingern griff er zu, bekam aber die Zigarette nicht zu fassen. Ich sah einen grindigen Handrücken mit schwarzen Fingernägeln und beschloss spontan, ihm die halbvolle Schachtel zu schenken.

„Danke, Chef! Du bist ein Guter, hast ein Herz für einen wie mich.“

Er sprach mit ungarischem Akzent. Ich fand ihn sympathisch, auch weil er ehrlich klang.

„Keine Ursache.“

„Du, Chef, host du kan Durscht?“, fragte er.

„Klar, magst ein Bier?“

„Das wär super, Chef!“

„Warte einen Moment. Ich muss eh Zigaretten kaufen, ich organisiere uns irgendwo ein Bier. Okay?“

„Bist ein echter Samariter, Chef.“

Das nächste Postauto fährt erst morgen früh. Also blieb viel Zeit für einen ersten Salzburg-Trip. Dass er am Busbahnhof mit einem Sandler beginnen sollte, war nicht geplant. Ich wusste nichts von ihm, nur, dass er Durst hatte und reden wollte. Ich dachte nicht lange nach, kaufte am Buffet ein paar Flaschen Bier, Zigaretten und Wurstsemmeln. Gut gelaunt schlenderte ich über den Bahnhofsvorplatz zurück zum Busbahnhof. Er staunte, wahrscheinlich hatte er nicht mit meiner Rückkehr gerechnet; noch dazu mit einer Tasche voller Bier.

„So, Kumpel”, sagte ich, „jetzt stoßen wir mal kräftig an. Steh auf, im Stehen trinkt es sich besser.“

Er stand ächzend auf und ich sagte nicht ohne Pathos: „Wenn zwei Männer Bierflaschen aneinanderstoßen und den ersten kühlen Schluck nehmen, dann hat das etwas von Brüderlichkeit.” Und dann: „Prost! Ich bin der Ferdl.”

Er machte einen Schritt zurück und verbeugte sich theatralisch: „Prost! János Tóth, Kaminkehrermeister aus Szombathely.”

János lachte, als er meinen Gesichtsausdruck sah.

„Was ist passiert, János?, erzähl mal.“

„Das interessiert dich nicht wirklich, oder? Egal, ich erzähle die Kurzversion: Ungarnaufstand 1956, Flucht vor dem Regime. Hier in Salzburg heiratete ich eine Rauchfangkehrer-Witwe und führte ihren Betrieb tadellos. Mit ihr gelacht und gesoffen. Vom Sohn geschasst, nachdem er selber Meister wurde. Abgestürzt und liegen geblieben. Ende. Glaub mir: Rauchfangkehrer bringen nicht jedem Glück. So, jetzt du.“

„Okay”, sagte ich, „mein Leben ist weniger aufregend. Ich bin ein Fliesenleger aus der Steiermark und zum ersten Mal in Salzburg. Du bist der erste Mensch, den ich kennenlerne in dieser Stadt. Ich will hier ein neues Leben beginnen.“

János nickte nachdenklich: „Viel Glück, Ferdl. Du wirst es brauchen. Prost!“

© Ferdinand F. Planegger