Bitte eine Erdbeertorte

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Bitte eine Erdbeertorte | story.one

Als ich dem Alkohol ade sagte, gastierte ich in der Psychosomatik der Salzburger Nervenklinik. Zur körperlichen Entgiftung. Meine schon zugesagte Therapie verzögerte sich. In der Klinik konnte ich nicht bleiben. Der ursprüngliche Plan, nahtlos in eine Jahreskur zu gehen, war gestoppt worden. Zurück ins Milieu konnte ich nicht, die Rückfallgefahr wäre zu groß gewesen. In meiner ersten Euphorie glaubte ich, dass ohne Alkohol, alle Probleme weg wären. Ich war zwar seit vier Wochen trocken, aber beileibe nicht gefestigt.

Zu meinem Glück fand eine Pension außerhalb der Stadt, in der ich vorübergehend Quartier beziehen konnte. Der nächste Tag war der 1. Mai. Es regnete in Strömen. Meine Wirtin war sehr freundlich und sichtbar froh, dass ich ihr Gast war. Sie bot mir an, gegen Gartenarbeit, die halbe Miete zu erlassen. So konnte ich in bester Laune den Feiertag begehen.

Die Dorfmusik spielte flotte Weisen, die Feuerwehr und die üblichen Verdächtigen marschierten zum Festplatz. Die Reden zum Tag der Arbeit waren kurz, danach ging es zum Frühschoppen in die umliegenden Wirtshäuser. Bis vor kurzem wäre das genau mein Ding gewesen, aber ich blieb standhaft und zog das Café vor.

Das war ein Erlebnis, ich muss heute noch schmunzeln, wenn ich daran denke. Das kam so: In meiner Trinkerzeit vertrug ich keine Süßspeisen, mir wurde sofort schlecht davon. Jetzt aber, nach vierwöchiger Trockenheit, bekam ich plötzlich Gusto auf etwas Süßes. Die Spezialität in diesem Dorf-Café war eine fantastisch aussehende Erdbeertorte. Ich kam mir unendlich tapfer vor, als ich diesen süßen Traum mit dazugehörigem Kaffee bestellte. Gar nicht so einfach, wenn man bedenkt, dass ich früher vornehmlich Bier und höchstens Mal ein Gulasch bestellte. Trinken war wichtiger als Essen, so lautete bislang die Devise meines vom Alkohol gezeichneten Gehirns.

Ich war begeistert. Ohne Probleme konnte ich die Torte bei mir behalten. Auf den Geschmack gekommen, bestellte ich noch einmal dasselbe. Ich war selig. Wie lange war ich nicht mehr in einer Konditorei gewesen? Jetzt fühlte ich mich dazugehörig, war Mitglied der Gesellschaft. Keiner sah es mir an, was ich für eine Schnapsdrossel war. Ein erhebendes Gefühl. Mein ganz besonderer, eigener Feiertag.

Ich wollte tatsächlich noch eine dritte Portion bestellen, aber ich traute mich nicht. So stark war meine neu erlangte Selbstsicherheit nun doch nicht. Was tun?

Die Lösung war simpel. Ich stand auf und drehte eine Dorf-Runde. Der Regen war mir völlig egal. Ich lief einmal um die Stiftskirche und den Friedhof und schon war ich wieder in der Konditorei. Jetzt setzte ich mich in eine andere Ecke, mit anderer Bedienung.

Und los ging es: „Bitte eine Erdbeertorte.“ Und zehn Minuten später: „Bitte noch einmal dasselbe.“ Es klingt verrückt, aber es war genau so, ich war der glücklichste Mensch auf dieser Welt, fühlte mich endlich wieder wie ein ganz normaler Bürger, vielleicht einer, der gerne Erdbeertorte ist. Na und?

© Ferdinand F. Planegger