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Brot und Pferde

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Brot und Pferde | story.one

Als ich einmal die Mizzitant von der Arbeit in der Ankerbrot-Fabrik abholte, wurde ich den Bürodamen und auch ihrem Chef, dem Herrn Direktor, vorgestellt. Ich war schwer beeindruckt von diesem eleganten Herrn. Statt einer Krawatte trug er ein gepunktetes Mascherl und über den Schuhen cremefarbene Gamaschen, einfach nur edel.

Mizzitant hatte mir im Vorfeld erzählt, dass er keine Kinder habe und seine Frau gestorben sei. Ein Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle, sagten die Kolleginnen meiner Tante. Ich hatte keine Ahnung, was ein Tschäntlmän ist, aber mir war klar: Der Mann musste etwas ganz Besonderes sein, so, wie die Damen die Augen verdrehten.

„Grüß Dich Ferdinand, ich bin der Leopold“, sagte der Direktor freundlich und reichte mir die Hand. „Und wenn du willst – nenn mich Onkel Leopold.”

Ich spürte, dass er mich mochte. Onkel Leopold sprach mit mir wie mit einem Freund und hatte bald mein Herz gewonnen. Er wusste von meinen unerlaubten Streifzügen durch Wien und war, ganz im Gegensatz zur Mizzitant, höchst amüsiert.

„Ich habe eine Idee”, sagte er mit einem Seitenblick zur Tante, „ich zeige dir unser Wien mit allem Drum und Dran – und du versprichst mir und deiner Tante, dass du keine Alleingänge mehr unternimmst. Einverstanden?”

Natürlich habe ich laut „Ja” gesagt. Ich hätte meinem neuen Wahlonkel niemals widersprochen.

Onkel Leopold spendierte den Damen Kaffee und Kuchen, dann wandte er sich mir zu und fragte: „Warst du schon einmal in einer Brotfabrik, Ferdinand?“

„Nein. Kinder dürfen ja nicht in die Fabrik.”

„Du möchtest aber, oder?“

„Ja, schon.”

„Gut, dann lade ich dich zu einer kleinen Führung ein, wenn es deine Tante erlaubt.“

Mizzitant hatte nichts dagegen, sie bewunderte ihren Direktor. Und sie war nicht die Einzige, auch die anderen Bürodamen bekamen rote Wangen und scharwenzelten um ihn herum. Am liebsten hätte ich Onkel Leopold für mich allein gehabt, aber das behielt ich für mich.

Unser erster Weg führte in die Schwarzbrot-Halle. So weit ich schauen konnte – nur dampfende Backöfen – überall zischte weißer Dampf aus dicken Rohren. Es war heiß und so laut, dass ich kaum verstand kann, was mir erzählt wurde. Fasziniert sah ich den Arbeitern zu. Sie sahen gar nicht wie die Bäcker aus, die ich kannte. Irgendwie uniformiert, so, als wären sie ein Teil der Maschine. Die nächste Halle hieß Expedit. Hier herrschte ein rastloses Kommen und Gehen. Arbeiter schleppten Körbe voll mit Brot in dicht an dicht stehende Fuhrwerke. Alle Fahrzeuge waren hellgrau und mit dem roten Anker im weißen Kreis bemalt.

„Gibt es auch Autos?“, fragte ich.

„Ja natürlich. Schau, da drüben stehen die Lastwagen – alles ganz neue Opel-Blitz. Den großen Teil der Arbeit verrichten allerdings immer noch die Pferde.“

Die Stallungen waren für meine Augen ein endloses Paradies. So viele Pferde habe ich noch nie auf einmal gesehen.

Ich habe heute noch den Geruch von Pferden und frischem Brot in der Nase, wenn ich an Wien denke. Das werde ich wohl nie vergessen.

© Ferdinand F. Planegger 07.03.2020

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