Canada - Ruf der Wildgänse

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Canada - Ruf der Wildgänse | story.one

Der Film wurde in British Columbia/Canada gedreht. Für Karl und mich war der Streifen Pflicht. Es war Faszination pur und unser Auswanderungsziel rückte ein gutes Stück näher. Nach der Vorstellung wollten wir darüber reden, doch mir war plötzlich nicht mehr danach.

„Sei kein Spielverderber, Ferdinand!”

„Es geht nicht, Karl, tut mir leid.”

„Was hast du denn?”

„Ich habe Magenkrämpfe, keine Ahnung was das ist.“

„Und wie geht’s weiter?”

„Wir reden morgen darüber, ich nimm die Kanadaprospekte mit, einverstanden?”, sagte ich und schleppte mich nach Hause.

Die Schmerzen wurden heftiger. Ein Gefühl, als ob ich innerlich verbrennen würde. Ich biss mir die Lippen wund, lehnte mich an die Hauswand. Meine Knie zitterten, die Kräfte ließen nach. Irgendwie schaffte ich es bis zu unserem Haus. Meine Mutter öffnete die Tür und erschrak: „Mein Gott, Ferdinand, was ist passiert? Du bist ja kreidebleich!”

„Die Tropfen, Mama, bitte gib mir die Magentropfen!”

Es zog mich zusammen. Den Kopf zwischen den Knien brüllte ich meinen Schmerz in den Küchenboden. Mutter stand daneben und wusste nicht, was sie tun soll. Dann sagte sie: „Halte durch Ferdinand, ich rufe den Doktor – oder besser gleich die Rettung!”

Mir war alles recht, wenn nur dieser Schmerz aufhören würde.

*

Hohe Fenster, Milchglasscheiben, grelles Licht – Krankenhaus. Mir war kalt. Ein Arzt gab mir eine Spritze, ein anderer tastete mich ab. Für Sekunden ließ der Schmerz nach.

„Ich bin Doktor Bulgary und wie heißt du?”

„Ferdinand.”

„Wie alt bist du, Ferdinand?”

„Fünfzehn”, presste ich heraus.

„Vermutlich ist es der Blinddarm”, sagt er.

Die nächste Schmerzwelle durchzog meinen Körper. Aus Angst vergaß ich zu atmen, wusste nicht mehr, was ich tun soll. Der Doktor redete leise auf mich ein: „Ganz langsam, Ferdinand. Versuche tief Luft zu holen. Ja, so ist es gut. Wo tut’s am meisten weh?”

„Überall”, sagte ich. Dann wurde es finster.

*

Ich hörte Stimmen, aber ich sah niemanden. Alles ist weiß, dachte ich. Ich lag in einer Art Zelt, das nach oben hin spitz zulief. Über mir baumelten Infusionsflaschen. Ich schaute den Tropfen beim Wachsen zu, sah, wie sie dicker wurden und in den Schlauch fielen, der irgendwo in meinem Arm mündete. Ich hing wie eine Marionette an dicken Fäden, die mich am Leben hielten. Um mich herum hingen Kabel aus einer zischenden Sauerstoffflasche. Ich wollte etwas sagen, wollte mich selbst hören, aber ich brachte keinen Ton heraus.

Bin ich etwa im Himmel? Nein, das kann nicht sein! Der liebe Gott würde es nicht zulassen, dass ich so fürchterlichen Durst leide.

Mein Blick wurde klarer, vor dem Fenster stand ein fast kahler Ahornbaum mit zwölf bunten Blättern, die im Wind wippten. Ich fantasierte von Canada mit „C” und Indian Summer.

*

Fünf Wochen im Spital, eine Zweidrittel-Resektion nach einem Magendurchbruch und zwei komplizierte Operationen hatten meine ganze Kraft gekostet. Der Traum von Canada war in weite Ferne gerückt. Auch der Ahornbaum hat seine Blätter verloren.

© Ferdinand F. Planegger