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Geht's ham!

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Geht's ham! | story.one

Einige wissen es: Ich war einmal ein Sandler. Wie meinen …? Der Ausdruck ist zu hart? Okay – ich korrigiere – ich war lange Zeit obdachlos, nichtsesshaft oder behördlich: Unstet. Das war nicht wirklich schön, aber es gab ja den Alkohol, damit konnte ich nicht nur meine Umwelt schön saufen, sondern praktischerweise auch die ganze andere Misere namens Leben. Das gilt übrigens immer noch – auch für gesellschaftlich anerkannte Tschecheranten im Nadelzwirn.

Warum ich das schreibe? Nein – kein Fischen nach Komplimenten. Ich hab es ja für mich getan und es Gott-sei-Dank geschafft. Ich entkam diesem fatalen Teufelskreis. Außerdem ist es zu lange her, um damit Eindruck zu schinden. Nein, das ist es nicht. Es sind vielmehr meine Gedanken, die in Tagen des Innehaltens in meinem Kopf herumgeistern. Zunächst sind da die, von der Tagesaktualität überrollten und vergessenen Flüchtlinge, die mit dem Rücken zur Wand im Dreck zwischen den Fronten stehen. Eine Situation, die mit dem Wort „schlimm” nur unzureichend beschrieben ist und von neoliberalen Gemütern hierzulande gerne übergangen wird. Denn – wir haben selber Probleme – und genug zu tun, um das heimtückische Virus in den Griff zu kriegen.

… aber ich schweife ab, wollte eigentlich von den entwurzelten Sandlern schreiben, die nirgends zuhause sind.

Wir haben im Moment ein de facto Ausgangsverbot. Allein spazieren, mit gebotenen Abstand zu anderen Personen, ist erlaubt. Ich gehe los, frische Luft kann nicht schaden, denke ich. Von meinem eigentlichen Ziel erzähle ich niemand, auch nicht meiner Frau. Sie würde mich für verrückt erklären, wüsste sie von meinem Plan, mich in die Aura von Verlierern zu begeben; noch dazu als Teil der Risikogruppe Ü70. In dieser sensiblen Zeit, wo von allen möglichen Menschen eine Infizierung droht. Unverantwortlich - würde sie sagen. Darum erzähle ich nichts davon und begebe mich vorsichtig dahinschlendernd in die Stadt. Ich umkreise die ehemaligen Hotspots der Szene, in der Hoffnung, alten Kumpanen zu begegnen – Fehlanzeige. Hinter der Kirche treffe ich auf ein paar junge Giftler, die mir den Tipp geben, bei den alten Marktbuden nachzuschauen, da würden sich der alte Bobby und andere Obdachlose gerne aufhalten.

Bobby ist der letzte Übergebliebene aus meiner Zeit vor vielen Jahren, seine Kollegen kenne ich nicht.

„Hey Bobby, altes Haus“, begrüße ich ihn. Er hebt ein Augenlid, schenkt mir einen trüben Blick – erst skeptisch, aber dann das kaum sichtbare Lächeln des Erkennens.

„Ferdl? Was willst du hier?”

„Schauen, wie es euch geht”, sage ich grinsend. „Keine Angst vorm Virus?”

Bobby lädt mich auf einen Schluck aus dem Tetrapack ein, ich lehne höflich ab. Plötzlich lacht er sarkastisch: „Bist jetzt auch einer von den Guten, die Angst haben müssen, gell. Wir Sandler haben es jetzt besser als du mit deinen neuen Freunden. Sie reden ohne zu denken und sagen zu uns: „Geht’s ham!” und machen einen Bogen um uns. Wir haben jetzt noch weniger Kontakte. Gut für uns!”

© Ferdinand F. Planegger 18.03.2020

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