Herbstimpulse

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Herbstimpulse | story.one

Das Thema – Herbst – scheint mir verfrüht zu sein. Wir haben Anfang Oktober. Vorige Woche hatte es noch sommerliche Temperaturen.

„Ja und?”, fragt meine innere Stimme. Sie klingt leicht erhöht, fast schon vorwurfsvoll: „Was ist daran so besonders, wenn du einen Text zum vorgegebenen Impuls schreibst?”

Ich spüre, dass es mir nicht mehr so leicht aus der Hand läuft. vermutlich ist es dieses hintergründige Grausen vor der Kälte, das mich so lähmt und das Thema plötzlich in Frage stellt. Der Wörterteppich will sich nicht vor mir ausrollen. Es läuft nicht wie sonst. Alles klingt irgendwie beliebig. Ich denke, eine Absage würde mir gut in den Kram passen.

„Soso”, sagt mein innerer Kritiker, „willst wohl auf Schreibblockade machen, oder? Nix da, mein Freund, nur keine Müdigkeit vortäuschen. Ich weiß, dass du die Jahreszeiten liebst. Herbst ist angesagt! Auf geht's! Auf was wartest du noch?”

Okay, ich gestehe, manchmal bin ich einfach nur faul. Das verregnete Wochenende tut das Übrige dazu. Elke aus Mattsee hat zur turnusmäßigen Lesung unseres Lesekreises eingeladen. Es ist geplant, die Lesung auf der Terrasse eines Badehauses abzuhalten.

Acht Schreiberlinge sind gekommen, alle haben kalte Hände.

„Das wird wohl nichts, das mit Lesen auf dem Badesteg”, sagen alle unisono. Unsere Gastgeberin ist sichtlich bemüht, uns die einzige Ausweichmöglichkeit, nämlich das ebenso kalte Badehaus schmackhaft zu machen.

Ich bin ungerecht, meckere herum, weil ich enttäuscht bin – vom Wetter und von mir selbst. Elke kennt mich gut, sie weiß, dass ich ein Trotzkopf bin und empfiehlt mir einen Spaziergang im Wald hinter dem See. Ich bekomme Gummistiefel und die Pelerine ihres Vaters verpasst.

„Bis du aus dem Wald zurück bist, haben wir die Badehütte soweit aufgeheizt, dass es lesefreundlich wird. Vielleicht gibt es sogar heißen Tee”, sagt Elke und schubst mich freundlich aber bestimmt aus der Hütte.

Jetzt, wo ich mit mir allein bin, ist der Ärger über das Wetter wie weggeblasen. Ich liebe den Wald. Die Luft ist kühl, der Himmel sieht aus wie gräuliche Kreide, aber es regnet nicht mehr. Ich atme tief durch. Unter meinen Füßen knacken abgestorbene Äste. Es riecht modrig nach Pilzen. Leiser Wind streichelt das Laub, Blätter segeln vom Baum wie kleine Schiffchen in gelb, braun oder rot. Die Blätterkronen beginnen sich zu lichten, aber noch tragen sie ihren spätsommerlichen Schmuck und geizen nicht mit dem vorletzten Farbenspiel der Natur in diesem Jahr. Bald wird der Winter kommen. Ich ziehe die Pelerine ein Stück enger und freue mich über die wasserdichten Stiefel. Ich bin umgeben von einer Sinfonie rauschender Blätter, da lässt es sich herrlich träumen. Eine Kastanie fällt auf den moosigen Boden, ich hebe sie auf und spüre, warum sie manche „Handschmeichler” nennen. Und dann, irgendwann, komme ich mit geröteten Wangen, klammen Händen aber mit leichtem Herzen, ins Badehaus zurück.

Jetzt bitte einen schönen heißen Tee!

© Ferdinand F. Planegger 04.11.2019