Herzmansky

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Rolltreppenfahren ist eine feine Sache. Ich tue es gerne. Das hat etwas mit meinen kaputten Fliesenlegerknien zu tun. Treppen sind wie ein Synonym für mein Leben, denke ich. Bergauf ging ich immer gern, es gab mir ein Gefühl des Eroberns, dem Vorwärtskommen aus eigener Kraft. Bergab ging es immer viel zu schnell.

Die Beziehung zu Rolltreppen geht aber viel tiefer. Mein erster Flirt mit dieser Technik liegt lange zurück. Es war in den Fünfziger-Jahren, ich war etwa acht oder neun Jahre alt und wie jedes Jahr in den Ferien bei meiner Tante in Wien. Tagsüber, wenn Mizzitant zur Arbeit ging, wurde ich bei Babička, der böhmischen Oma, zwischengeparkt. Um ihr finanziell nicht zur Last zu fallen, bekam ich täglich zwei Schilling, damit ich mir beim Greißler eine Knackwurst kaufen konnte. So war es angedacht. Ich hatte aber andere Pläne, mein Abenteuergeist wollte gestillt werden.

Mein Freund Mateo hatte erzählt, dass man mit einer Fahrkarte der Straßenbahn x-mal umsteigen dürfe, aber nur in eine Richtung, also nicht zurück. Ein Kinderfahrschein kostete 70 Groschen. In mir reifte der Plan, auf diese Art einmal rund um Wien zu fahren. Es wäre mir auch gelungen, hätte ich nicht dieses bunte Werbeplakat von Herzmansky in der Mariahilferstraße gesehen. Da stand in fetten Buchstaben: Modernstes Kaufhaus Österreichs – jetzt mit der ersten Rolltreppe in Wien – Eröffnung - Heute! Das musste ich sehen.

Jetzt stand ich da, in diesem, für kindliche Begriffe, riesigen Einkaufsparadies, das über fünf Stockwerke verteilt war. Und in diese Verkaufsetagen führten die chromblitzenden Rolltreppen. Der Portier des Kaufhauses wies die Besucher ein, erklärte den Zögernden, was sie tun sollten, um sich nicht zu verhaspeln. Ganz wichtig wäre es, sagte er, dass die Schuhbänder gut gebunden seien. Im Fall der Fälle könne es passieren, dass sich so ein Schnürsenkel in den Ritzen der fahrenden Stufen verfängt. Was dann passieren würde, das wollte er nicht weiter ausführen. Einige Kunden drehten daraufhin ab und nahmen die normalen Stufen zum Obergeschoß. Ich nicht. Jetzt ging’s erst richtig los.

Zwischenzeitlich streunte ich durch die Spielzeugabteilung. Es war wie im Schlaraffenland. Ich hatte die Zeit vergessen, fuhr rauf und runter und weiter und weiter … bis die Hermitant, eine meiner Aufpasser-Wahltanten, plötzlich neben mir stand und vollkommen entgeistert war, mich ganz allein in diesem Trubel zu sehen. Auf die Frage, wo denn die Mizzitant sei, konnte ich nur kleinlaut antworten, dass ich ganz allein hier war!

Tante Hermi war so entsetzt, dass sie ihre Einkaufspläne abrupt abbrach, mich bei der Hand packte und mit sich zog. Wir brauchten eine Stunde bis wir zu Hause am Laaerberg ankamen. Auweia, das war wohl nix. Ich kassierte tapfer die unausweichliche Erziehungs-Ohrfeige von Mizzitant. Egal, ich war Watschen gewohnt. Hauptsache war, dass ich meinem Freund Mateo erzählen konnte: Ich bin mit der ersten Rolltreppe in Wien gefahren!

© Ferdinand F. Planegger