#changesinlife #diagnosemensch #normalanders

"Inkognito"

  • 630
"Inkognito" | story.one

Salzburg 1980 - Seit Beginn der kalten Jahreszeit war ich stolzer Inhaber eines festen Wohnsitzes. Ich wohnte in einem Schloss am Stadtrand, im Prominentenviertel. Genauer gesagt, in der ehemaligen Schlossschänke, deren Bausubstanz nicht weniger baufällig war, als das Schloss selbst. Niemals hätte ich gedacht, dass in so einer feinen Gegend derart abgewrackte Löcher als Wohnraum vermietet werden. Meine soziale Situation ließ allerdings keine Kritik zu. Im Gegenteil, ich war froh, überhaupt ein Dach über den Kopf bekommen zu haben. Für einen obdachlosen Trinker wie mich, war das keineswegs selbstverständlich.

Ich wohnte nicht allein hier, meine Mitbewohner waren durchwegs verkrachte Typen oder sonstige Verlierer. In meinem Beruf als Fliesenleger arbeitete ich lange nicht mehr, bis vor kurzem war ich Tagelöhner, zuletzt konnte ich das auch nicht mehr machen, der Suff nagte zunehmend an Körper und Seele. Ich wurde immer schwächer, manchmal fürchtete ich mich vor dem eigenen Schatten.

Für mich war diese Bude trotzdem ein Glück, denn seit ich hier wohnte, sah ich den Kontrollen der Polizei gelassen entgegen. Wenn ich meine vornehme Adresse nannte, rollten sie mit den Augen. Manche hatten ihren Spaß daran, Leute wie mich ständig zu filzen. Sie nannten mich lachend den Schlossgeist und schüttelten den Kopf.

Zuweilen, in nüchternen Momenten, versuchte ich zu ergründen, was mit mir geschehen war – und wurde immer ratloser. Das Rad zurückdrehen? Aussichtslos. Es war schon zu lange her, dass ich ein anerkanntes Mitglied der Gesellschaft war. Damals, nach einem feuchtfröhlichen Absacker machte ich erstmals die Bekanntschaft mit meinem Dämon. Er saß auf meiner Schulter, entpuppte sich als unsichtbarer Einflüsterer. Er war es, der meine Wege bestimmte.

Ich nannte ihn „Inkognito”, er wurde mein Komplize. Niemand wusste, dass es ihn gab. Inkognito trieb mich an und jauchzte euphorisch, wenn ich in der Welle war. Es war mein erklärtes Ziel, diesen Level konstant zu halten. Doch das gelang mir nur selten, meistens stürzte ich ab und verfluchte meinen „Freund”, weil er immer mehr wollte. Manchmal, an nüchternen Tagen, probte ich den Aufstand, versuchte zu widerstehen und verweigerte ihm die Gefolgschaft, doch der Kerl war hartnäckig.

Aber dann kam der Tag, an dem ich beschloss, erstmals über IHN zu sprechen, ihn quasi zu verraten. Ich würde mit Ilse darüber reden. Ilse war ungefähr in meinem Alter, blitzgescheit und bildschön. Ich glaubte das zu wissen, obwohl ich sie noch nie gesehen hatte. Ich liebte ihre Stimme, ihr Timbre war etwas ganz Besonderes. Ilse konnte ich vertrauen, sie würde mich nicht auslachen, mich nicht für verrückt halten, wenn ich ihr von Inkognito, meinem Dämon erzähle. Ilse war meine große Hoffnung. Nicht als Frau, als Mensch. Sie wird mir den Pfad zeigen, der aus dem Dunkel führt. Voraussetzung war: Bloß nicht zu viel trinken, sonst vergesse ich den Termin heute Abend – am Telefon der Telefonseelsorge.

© Ferdinand F. Planegger 03.08.2020

#changesinlife #diagnosemensch #normalanders