#generations #whatislove

Mein G-Punkt

  • 670
Mein G-Punkt | story.one

Ich habe zwei G-Punkte. Den ersten nenne ich Geh-Punkt, denn er ist ein Wanderer. Er tritt an verschiedenen Stellen meiner Wirbelsäule auf. Meine Physiologin ist phänomenal, sie kann ihn mit ihren Zauberhänden verlässlich orten. Wirbelsäulenarthrose – so sagt sie - kann man mildern. Die beste Therapie ist Gehen. Am besten bergauf. Bergabgehen mag er nicht, mein Geh-Punkt. Die steilen Stücke gehe ich daher verkehrt, aber nur, wenn keiner zusieht, denn es schaut ziemlich bescheuert aus. Mein zweiter G-Punkt ist ein Glückspunkt. Er resultiert aus dem ersten. Verschwindet dieser beim Gehen, wird er zum Glückspunkt. Was will ich mehr?

Unter diesem Aspekt plane ich eine Wanderwoche in meiner Heimat. Das Motto: Auf den Spuren meines Vaters. Was mir zu seinen Lebzeiten nie gelungen ist, will ich auf dieser Tour versuchen – ich will ihm näher kommen, mit ihm reden. Spirituell. Vielleicht spricht er ja mit mir.

Das Wetter ist schlecht, kein Tag ohne Regen. Mehr als Kurzwanderungen gehen sich nicht aus. „Was würdest du an meiner Stelle tun?”, frage ich Vater und schau in den grauen Himmel. Statt Vaters Stimme kommt ein Regenguss. Er weigert sich, mit mir zu sprechen. „Auch gut”, sage ich trotzig, „dann eben nicht. Bleibt mehr Zeit für mich.”

Vor dem Hotel straffe ich mich und marschiere los. Endlich, nach fünfzig Jahren, bin ich wieder da. Mir scheint, die Gassen sind enger geworden, Bürgersteige sorgfältiger gepflastert. Bei Regen bilden sich keine Pfützen mehr. Ich denke an die Zeit, als ich trotz aller Ermahnungen und Verbote bei jedem Wetter herumturnte, ganz gleich, ob meine Pelerine vom Wasser immer schwerer wurde.

Ich sehe mich über Bäche balancieren, auf Baumwipfeln klettern, Mädchen an den Zöpfen ziehen und Räuber und Gendarm in einer Person sein. Kindheit und Jugend – so viele bunte Mosaiksteinchen. Ich erinnere mich plötzlich an die Namen. An Rosmarie, die mir einen Zettel mit den Worten: „Warum bist so schiach zu mir?”, in den Schulranzen gesteckt hatte. Und an Andreas zarte schmale Lippen.

Ich flaniere durch die Stadt, immer ein Auge auf Gleichaltrige gerichtet. Es ist schwer, alte Freunde nach so langer Zeit wiederzuerkennen. Eine Dame sitzt vor dem Café Kornmesser und trinkt Bier. Ich setze mich an den Nebentisch und beobachte sie aus den Augenwinkeln. Es muss die Greti sein, denke ich. Als sie den Kellner ruft, erkenne ich sie an der Stimme. Ich nehme allen Mut zusammen und frage:

„Bist du die Greti aus der Schiffgasse? Ich bin der Burli!”

„Ach du liebe Güte, der Burli, dessen Fuß ich verzweifelt gesucht habe?”

„Ja, genau der.”

„Du bist damals beim Klettern am Mur-Felsen gestürzt, hast dir ein Bein gebrochen und bekamst einen Gipsfuß. Ich Naivchen hatte mir, in meiner kindlichen Liebe zu dir, es in den Kopf gesetzt, dein vermeintlich verlorenes Bein am Mur-Ufer zu suchen. Man hat mich deswegen lange gehänselt.”

Ich glaube, dass ich Greti etwas schulde und sage zu ihr:

„Die Welt wäre schöner, wenn es mehr von Deiner Sorte gäbe.”

© Ferdinand F. Planegger 10.06.2020

#generations #whatislove