#changesinlife #diagnosemensch #normalanders

Mein „spirit of life“

  • 867
Mein „spirit of life“ | story.one

Irgendwann merkte ich: Der Alkohol lässt mich die Realität vergessen. Mit einem kühlen Bier, dazu einen klaren Schnaps, konnte ich in eine andere, schönere Welt eintauchen. Ich fühlte keinen Schmerz mehr. Ein wohlig warmes Gefühl breitete sich aus. Alkohol war der ideale Stimmungsheber. Er gab mir Kraft und Sicherheit, wenn auch nur temporär. Umso schlimmer war es, wenn der Nachschub ausblieb. Das war die Zeit des Selbstmitleids, aber auch der Selbstanklage. Die Sucht dominierte mein ganzes Dasein. Es gab haufenweise Situationen, wo ich wirklich geglaubt habe, es ist zu Ende.

Mein Kumpel Sepp war neben mir am Hitzschlag gestorben, als wir unter einem Baum schliefen. Die Sonne war gewandert und hatte unser schattiges Plätzchen in gleißende Hitze getaucht. Hilflos, kraftlos, ging der Sepp über den Jordan. Er war mein Saufkumpel in dieser traurigen Zeit. Ohne ihn fühlte ich mich völlig leer, ein Teil von mir war gestorben. Ein Tag nach dem anderen zerplatzte in einer Alkoholblase. Was blieb, war Selbstmitleid. Ich fühlte mich allein gelassen. Ungeliebt, verachtet, bespuckt, verurteilt, ziellos, verzweifelt.

„Willst du so enden wie der da?“, fragte ich mich in lichten Momenten, wenn ich einen Obdachlosen mit nassen Hosen in einer Ecke liegen sah. Es schreckte mich nur kurz ab. Die Sucht war stärker, viel stärker als alles andere. Ich war der Größte, wenn ich in der Welle war und die ärmste Sau wenn ich nix hatte. Ich dachte, so etwas wie dem Obdachlosen passiert mir nie. Doch es kam anders.

„Wenn du es schon nicht für dich selbst tun willst (das Aufhören), dann mach es wenigstens für deinen Sohn und deine Frau”, sagte ich mir manchmal und vergaß dabei, dass die Frau tot und das Kind adoptiert worden war. Auch ein Produkt beginnenden Säuferwahns.

Tiefenpsychologie. Und? Was habe ich entdeckt? Nichts als tiefe Leere. „Ich muss was tun, für mich allein“, dachte ich. Manchmal glaubte ich an Wunder, an kindliche Geborgenheit und spürte die Wärme einer schützenden Hand. Ich sah eine kleine Chance für mich - in einem anonymen Anruf bei der Telefonseelsorge.

„Ist da wer, der mir zuhört?“, fragte ich. Und ja, da war tatsächlich wer. Eine leise Stimme, kein imaginärer Zeigefinger. Sie hörte zu, das hat geholfen.

Sie sagte: „Du bist den falschen Weg gegangen, hast irgendwann die falsche Abzweigung genommen. Dreh dich nicht um, schau nicht zurück, du kannst nichts mehr ändern. Gehe weiter, nimm den steileren Weg, er führt ans Licht.“

Ich hab’s begriffen. Es ist meine ganz persönliche Entscheidung, den anfangs mühsamen Weg nach oben zu gehen. Es ist der Weg, aus dem die Freiheit wächst. Es mag pathetisch klingen, aber da oben will ich gar nicht wirklich ankommen.

Jetzt verstehe ich, was damit gemeint ist: Der Weg ist das Ziel. Steil und lebensgefährlich. Ich nehme die Herausforderung an und besiege mich selbst, mich und den Alkohol, denn der König bin ich. Mein „spirit of life“ heißt Abstinenz. Das war die wichtigste Antwort auf all meine Fragen.

© Ferdinand F. Planegger 25.06.2020

#changesinlife #diagnosemensch #normalanders