#eigenartig #leidenschaft #singlestorys

Nofretete

  • 883
Nofretete | story.one

Seit einer Stunde saß ich in der Eden-Bar und kippte ein Glas nach dem anderen. Ich sinnierte vor mich hin und blätterte in einem Magazin. Mein Blick blieb an einem Zitat von J. M. Simmel hängen: „Es gibt im Leben nur eine Sünde, und die ist: den Mut zu verlieren.”

Der hat leicht reden, dachte ich, dem fliegen die Herzen seiner Leser zu. Und mir? Mir blinzelte die Bardame zu. Also bestellte ich den nächsten Drink, weil’s eh schon egal war. Ich spürte, dass mein Leben aus dem Ruder lief. Seit Melittas traurigem Ende vor einem Jahr war ich auf bestem Wege, mich vollkommen gehen zu lassen.

Das war der Moment, in dem ich sie sah. Die Tür des Lokals stand einladend offen. Sie hatte auf den Bus gewartet, mich erkannt. Und jetzt kam sie auf mich zu – Gelli, die Verrückte. So hatte ich sie, die beste Freundin meiner Frau, insgeheim genannt. Verrückt deswegen, weil sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit von irgendwelchen, ägyptischen Pharaonen schwärmte. Unsere letzte Begegnung war bei Melittas Begräbnis gewesen. Gelli hatte ihre Hilfe angeboten, doch ich war nicht darauf eingegangen. Offen gestanden hatte ich Angst vor Gellis koketten Avancen.

Und jetzt stand sie vor mir.

„Hast du eine für mich, Ferry?”

„Hä?”

„Eine Zigarette.”

„Ach so. Natürlich.”

„Warum hast du mich nie angerufen?”, fragte Gelli.

Bevor mir noch eine glaubhafte Antwort einfiel, fuhr sie fort: „Hast auch schon mal bessere Tage gesehen; wer bügelt eigentlich deine Hemden?” Sie nahm ein paar tiefe Züge und musterte mich von oben bis unten.

„Bist du gekommen, um an mir herumzumäkeln?”

„Nein. Und sei nicht so empfindlich. Ich möchte helfen, möchte aus dir wieder den Mann machen, der du immer warst.”

Ich wollte aufbegehren, doch gegen Gellis Lächeln war ich machtlos. Sie gab mir ein Küsschen auf die Wange und lud mich für morgen zu sich ein. „Ich muss jetzt … Ciao, Ferry.”

Ich dachte an J. M. Simmel und das Zitat vom Mutig-sein.

Mich muss der Teufel geritten haben, als ich am nächsten Tag vor ihrer Tür stand, alle Bedenken über Bord geworfen und die Trauer um Melitta verdrängt hatte. „Ich bin auch nur ein Mensch”, redete ich mir ein.

Die Tür ging auf. Gelli – sie hatte sich total verändert. Sie erschien mir größer, hatte die Haare aufgesteckt und trug eine, mit goldenem Pharaonenmuster bestickte, rote Galabia. Das bodenlange Kleid war seitlich geschlitzt, darunter blitzten atemberaubende High Heels hervor. Ich traute meinen Augen kaum, wo hatte ich bloß die ganze Zeit hingeschaut? Kannte ich die Signale einer Frau nicht mehr? Gellis Faible für Altägyptisches war mir bekannt, aber dass sie leibhaftig als Nofretete erschien, war phänomenal. Der Raum, in den sie mich führte, glich einem orientalisches Séparée. Der Duft von Sandelholz lag in der Luft und verdrehte mein Gehirn. Gellis Lippen signalisierten pure Erotik und diese Augen – oh mein Gott, wie schön kann verrückt sein.

Nofretete fragt mich leise: „Gefällt es dir, gefalle ich dir?“

„Was für eine Frage? Ich bin dein Echnaton!“

© Ferdinand F. Planegger 14.07.2020

#eigenartig #leidenschaft #singlestorys