Schlüsselerlebnis

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Schlüsselerlebnis | story.one

Dass ich Lehrling in einer Schlosserei wurde, war ein Kompromiss. Eigentlich wollte ich Verkäufer bei Julius Meinl werden – aber mein Zeugnis entsprach nicht.

Die ersten Wochen in der Schlosserei verbrachte ich bei den Landmaschinen. Mein Interesse galt aber der Schmiede im rückwärtigen Gewölbe, an dessen Wänden urige Hämmer und Feuerzangen hingen. Sepp, der Schmiedegeselle, hatte mein Talent entdeckt und gab mir erste Einblicke in das Handwerk der Schmiedekunst. Hier zu arbeiten war aufregend. In die Glut der Esse zu schauen, das Feuer mit dem Blasebalg bis zur Weißglut zu bringen, das war echte Schaffenskraft.

Ich lernte, dass zum Schwingen eines Vorschlaghammers sowohl Kraft wie Technik nötig ist. Sepp erklärte mir, was eine Führungshand beim Halten des Hammers bedeutet. Nicht ohne Eigennutz, denn er war es, der mir am Amboss gegenüber stand. Ich war der Mann mit dem Hammer! Beidarmig das schwere Gerät schwingend, bemühte ich mich, den glühenden Stahl dort zu treffen, wo Sepp es mit dem kleinen Führungshammer anzeigte. Eine wahre Schinderei. Erst wenn der Stahl erneut ins Feuer musste, gewährte mir Sepp eine Pause.

Die nächste Station meiner Ausbildung war die Portalschlosserei. Ich hatte die Ehre, mit dem Meister persönlich zu arbeiten. Ein Kaffeeröster hatte ein Ladenlokal gebaut, indem man beim Rösten der Kaffeebohnen zusehen konnte. Unsere Firma hatte die Schaufenster geliefert. Kurz vor der Eröffnung wurde ein Mangel an der Eingangstür festgestellt – sie war verzogen und schloss nicht richtig. Der Meister wurde zu Hilfe gerufen, um den Fehler zu beheben. Weil es pressierte, entschloss er sich, die Sache vor Ort zu erledigen, und hatte eine grandiose Idee. Zur Ausführung derselben, benötigte er lediglich ein Kantholz, das ich, als sein Handlanger, besorgen sollte. Rund ums Haus lag noch Bauholz und ich fand schnell ein würfelartiges Holzstück. Allerdings war es schlüpfrig und nass, denn es hatte geregnet. Ich zeigte es dem Meister und er meinte: „Super, passt genau, leg’s unten zwischen Tür und Rahmen, sodass sie nicht ins Schloss fällt: „Kapiert?“

„Alles klar Chef.“

Nun begann er die Tür zu drücken. Dadurch sollte der Rahmen zurück gebogen werden. Es federte stark. Der Meister drückte mit voller Kraft. Plötzlich – ein Schnalzer und ein gellender Schrei und der Meister führte einen Veitstanz auf, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte.

Was war passiert? Das glitschige Holzstück hatte sich durch das Wippen langsam aus dem Türspalt gedreht. Die Tür krachte, inklusive Meisterfinger, mit voller Wucht ins Schloss. Das war schmerzhaft. Ich konnte das Lachen nicht verbeißen, es hat auch zu komisch ausgesehen. Der große Meister hüpfte wie ein Rumpelstilzchen durch den Raum. Mein Lachen brachte mir eine schallende „Watschen” ein. Der Chef kam mit gequetschten Fingern – ich mit roter Wange in die Werkstatt zurück. An diesem Tag durfte ich früher nach Hause gehen. Es war mein letzter Tag als Schlosserlehrling.

© Ferdinand F. Planegger 01.01.2020