Stell dir vor …

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Stell dir vor … | story.one

Wieder so ein vermaledeiter Sonntag, dachte ich. Ein Tag, auf den sich andere freuen und im feinen Gewand durch den Festspielbezirk flanieren. Kein guter Tag für Leute wie mich. Ich kam mir schäbig vor, obwohl das Hemd, das mir ein Pater aus dem Stift Sankt Peter geschenkt hatte, nach Lavendel roch. Ich wurde den Verdacht nicht los, dass mir jeder ansehen konnte, wie es mir gerade ging. Für einen kurzen Moment schloss ich die Augen und sog tief Luft ein. Auch diesen Tag wirst du überstehen, schließlich ist Festspielzeit in Salzburg. Es wimmelt von Touristen, das ist gut für die Anonymität.

Ich hörte Stimmen und Musik. Mir war, als ob der Klang direkt aus den Wänden des Mönchsbergs käme. Ich ließ mich treiben und stand plötzlich vor der Bühne für die Jedermann-Aufführung auf dem Domplatz. Die Sonntagsmesse war vorbei, trotzdem hörte ich einen Chor singen. „Ist das jetzt der Beginn eines Deliriums, oder höre ich tatsächlich einen Chor?”, fragte ich mich. Es war ein Kinderchor und sie sangen keine Kirchenlieder.

„Das ist doch … na klar … das ist Imagine … mein Lieblingssong.” Ich summte mit : Stell dir vor, es gibt den Himmel nicht … ging weiter, folgte den Klängen. Woher kamen die Stimmen? Ich stand hinter der Bühne und lauschte. Imagine – alle Leute leben ihr Leben in Frieden …

Vorne, mitten auf dem Podium, stand eine Leinwand mit projizierten Texten: Imagine – Stell dir vor … Der Originaltext war in vier Sprachen übersetzt, sodass alle mitsingen konnten. Ich auch.

Vieles sprach für ein normales Konzert, doch prominente Künstler waren nicht zu sehen. Nein, John Lennon war nicht da – aber hunderte Kinder. Sie waren die Stars.

Vergangene Woche hatte ich noch gerätselt, was die Aufschrift auf den vielen Plakaten wohl bedeuten könnte: Palette 80 – stand da in bunten Lettern. Jetzt las ich den Text und ich wusste bescheid. Kinder irgendeiner Vereinigung aus halb Europa trafen sich in Salzburg zum Singen und Spielen.

Ich stand mitten unter den Zuschauern und sang mit. Die Luft vibrierte. Menschen wurden zum Klangkörper. Auch wenn Imagine ein leiser Song ist, war es doch ein rauschendes Bekenntnis: Stell dir vor, all die Menschen, sie teilen sich die Welt, einfach so! Noch nie hatte ich so viele, so große, so strahlende Kinderaugen gesehen. Ich war sicher, sie wussten, wovon sie sangen. John Lennons Hymne von einer besseren Welt hatte jeden der Zuschauer ergriffen. Ich spürte eine salzige Träne auf meinen Lippen.

Langsam und nachdenklich verließ ich den Domplatz. Alle konnten das Lied verstehen, aber es war schwer umzusetzen, denn es fordert auf, etwas zu tun: Stell dir vor … Ein Aufbruch. Kein Himmel, keine Hölle. Keine Grenzen, keine Kriege, keine Religionen – nichts wofür man in den Krieg ziehen würde. Aber auch: Keine Gier, keine Obdachlosen und vielleicht: Kein Hunger in der Welt. No possessions? … Habe ich schon erfüllt, dachte ich und ging.

© Ferdinand F. Planegger 04.11.2019