Weiße Gams

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Weiße Gams | story.one

Die Anonymität der Großstadt. Das Rauschen des Verkehrs, die Hektik der Erfolgreichen. Es ist wie in einer Arena, ich bin Zaungast, irgendwie außerhalb.

Mein Trinken ist zum Selbstzweck geworden. Viel trinken ist gleichsam viel vergessen. Grund genug, mein tägliches Quantum zu erhöhen. Der Supermarkt ist nah, das Geld knapp, es reicht für Zigaretten und eine Flasche vom weißen Geist. Eine reicht nicht, ich brauche zwei. Dann eben auf die harte Tour, denke ich und versenke die zweite Flasche vom guten Kräutergeist – Weiße Gams 40% Vol. – im geschenkten Caritasmantel. Ich brauche das, also ist es höchstens Mundraub, rede ich mir ein. Zitternd vor Gier bewege ich mich in das Abbruchhaus und freue mich auf den Stoff, auf meine Reise in eine andere Welt, meine Scheinwelt. Beglückt vom weißen Stoff frage ich mich: Scheinwelt, was ist das? Traum ist es nicht, denn ich erkenne mein Umfeld und kann mich begreifen. Ich betaste meinen geschundenen Körper, meine abgewetzte Hose, einen Schuh – ich habe nur einen Schuh am Fuß – aber zwei Socken. Ich kann noch zählen, also bin ich. Es ist real, wahr. Kein Traum.

Langsam verlässt sie mich, die weiße Gams, sie wird immer kleiner. Nur noch Spuren im Gehirn, kleine Funken weißer Erinnerung. Die Straßenlaternen spenden schemenhaftes Licht, reflektieren das Gerippe eines kahlen Nussbaums auf die schäbige Wand der Wohn-Ruine. Spektrale Bilder tanzen vor meinen Augen wie funkelnde Teilchen im herrenlosen Haus. Mein Platz ist im Vestibül der alten Villa. Da, wo einst prächtige Doppeltüren in die Räume führten, sind nur noch schwarze Löcher. Es ist ein offenes, aber finsteres Haus. Wo sind die Flügeltüren geblieben? Können Flügeltüren eigentlich fliegen? Ein modriges Nichts füllt die leeren Räume, alte Fensterbalken raunzen in den Scharnieren, lose Parkettdielen sind mit Dreck beschmiert.

Mein zweiter Schuh liegt weit von mir in der anderen Ecke. Er hat mir als Wurfgeschoß gedient – um Geister zu vertreiben. Hinten an der Wand hatte sie gelacht, die weiße Gams, höhnisch und verführerisch. Die Gams aus Glas – voll mit gutem Stoff, den ich brauche, um die Welle in Schwung zu halten. Ich liebe und verfluche sie, kann nicht mehr ohne sie. „Komm her zu mir“, krächze ich, „hilf mir auf die Beine, fülle meine Adern mit dem Spirit, damit ich wieder leben kann. Nur einmal noch, sei meine Geliebte und bring mein Blut in Wallung!“

Sie hört mich nicht. Statt der Bottle kamen ihre weißgehörnten Brüder, Heerscharen von weißen Gämsen trampeln durch meinen Kopf. Mit letzter Kraft werfe ich meinen zweiten Schuh ins apokalyptische Gämsengetier. Es war der letzte Schritt ins Nirwana, dann setzten die Sinne aus.

Zwei leere Flaschen Weiße Gams rollten den Sanitätern vom Roten Kreuz vor die Füße, als sie mich auf die Trage schnallten. Manchmal muss das Ende dramatisch sein, um als solches erkannt zu werden. Ich hatte es kapiert. Wenigstens für acht Tage in der Klinik.

© Ferdinand F. Planegger 12.11.2019