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Die Villa

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Die Villa | story.one

Ich war eingeteilt worden, in einer, aus dem vorigen Jahrhundert stammender Villa, antike Kachelöfen fachmännisch abzutragen und mit neuen, feuerfestem Innenleben auszustatten. Außerdem sollten kostbare art-deco Bodenplatten im Stiegenhaus repariert werden.

Ich kannte den Wortlaut der Adresse, die auf dem Auftragszettel stand, den mir Meister Kowalski in die Hand gedrückt hatte: Karl Morré Straße 77. Auch der Name des Auftraggebers war mir bekannt: Peter Tschimm. Unter Ansprechpartner stand: Frau Sulzer-Kolb, Verwalterin. Bilder tauchten vor meinem geistigen Auge auf, so klar und frisch, als wäre die Zeit stehen geblieben und nicht inzwischen eine halbe Ewigkeit vergangen.

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In meinem Kopf läuft ein Film ab. Ich sehe die Ein-Raum-Wohnung, sie ist mit einem Vorhang vom Schlafbereich abgeteilt. Der Vater trinkt, er hat den Kriegsinvaliden Peter Tschimm, alias Jim Peda, zu Gast. Sie planen Zukunftsgeschäfte. Die Bude stinkt nach Rauch und Alkohol. Der einarmige Veteran nennt mich Siebenjährigen scherzhaft einen hoffnungslosen Sprössling. Ich bewundere ihn heimlich, spüre aber auch, dass die Bemerkung abwertend gemeint sein könnte. Das lässt eine Nähe zu Onkel Jim, wie ich ihn nennen soll, nicht zu. Ich spiele auf meinem Platz hinter der Kohlenkiste mit nutzlos gewordenen Stampiglien der bankrotten Firma meines Vaters. Ich drücke die Aufschrift – Karl Morré Straße 77 – auf altes Papier. Es hat für mich keine Bedeutung.

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Die Adresse lag in der Nachbarstadt und gehörte zu einer Villa, die versteckt hinter hohen Platanen in einem Park lag. Ich stand vor einem kunstvoll geschmiedeten Tor und blickte fasziniert auf das Dach des Gebäudes, auf dem ein verrosteter Wetterhahn im Wind quietschte. Ich glaubte, das Geräusch zu kennen. Am rechten Stützpfeiler des Tores befand sich in einer Vertiefung des Granitsteins eine von Grünspan zersetzte Kupferplatte mit zwei Klingelknöpfen. Oben stand der Name des Ansprechpartners laut Auftragsschreiben: Salzer-Kolb. Das sagte mir nichts. Darunter, kaum noch lesbar, der Name: Franz-Josef Planegger & Sohn, Glaswaren en gros / en detail. Mit dem Anhang „& Sohn” war wohl ich gemeint. Eine Ahnung bestätigte sich, ich stand vor dem ehemaligen Sitz der Firma meines Vaters.

Niemals hätte ich gedacht, dass sie doch wahr sind, die Geschichten, die er seinen Saufbrüdern in immer anderen Versionen erzählt hatte. In unserer schäbigen Behausung, die nicht annähernd zu den Worten passte, die mein Vater von sich gab, wurde ich zwangsweise Zeuge seiner Prahlereien. Weil die Erzählungen jedes Mal anders klangen, glaubte ich nur bedingt seinen Worten. Und jetzt stand ich vor einer geheimnisvollen Villa, die reparaturbedürftig war und die aktuell seinem früheren Freund zu gehören schien. Ich drückte auf den Klingelknopf und war gespannt, was mich in meinem einstigen Erbe erwarten würde. Kann man das so nennen? Immerhin wurde ich in diesem Haus geboren. So steht es in der Urkunde.

© Ferdinand F. Planegger 14.06.2020

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