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Der Buschchinese

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Der Buschchinese | story.one

Es war noch früh am Abend, als ich schlecht gelaunt in das Halbdunkel meiner Stammkneipe trat. „Hallo zusammen!”

„Hallo”, sagte Mario, der Wirt. „Wie immer?” Ich nickte und Mario mixte meinen Cuba-Libre, während ich mich im Lokal umschaute. Das Capucine war eine langgezogene Kneipe mit gut bestückter Bar, gut sortierten Songs im Wurlitzer und einem Poolbillard im Rückraum. An der Bar saßen die üblichen Gestalten, allesamt aus dem Krätzl. Ein paar Jugendliche drängten sich um den Billardtisch – und eine Frau, die ich noch nie hier gesehen hatte.

„Na, wie geht’s so, bist lange nicht da gewesen”, fragte Mario. „Frag lieber nicht, mir geht's beschissen.” Mario tat, was alle Barkeeper mit melancholischen Gästen tun, er verbrüderte sich mit mir. Er polierte scheinbar unbeteiligt seine Espressomaschine und fragte leise: „Ilonka?“ Wie schnell sich sowas herumspricht, dachte ich und sagte: „Ja, ist abgehauen … zurück zum Buschchinesen.” Mario hob eine Augenbraue: „Buschchinese?” Ich spielte mit meinem Glas und spürte, wie Ärger hochkam: „Das ist ihr Ex-Freund. Ilonka nennt ihn so. Er ist Artist beim Zirkus Busch, tritt dort als chinesischer Jongleur auf. Sie meinte, er wäre nicht so spießig wie ich.” Ich trank meinen Cuba-Libre auf ex und schüttelte mich. „Hast du das gehört, Mario? Ich und spießig! Die spinnt ja!” Mario grinste. „Hast zu wenig mit Ilonkas Bällen jongliert?” Ich überlegte, ob ich beleidigt sein soll und entschied mich für einen sarkastischen Lacher: „Kann schon sein. Jedenfalls ist sie kein Thema mehr. Übrigens: „Wer ist die Schöne da hinten am Billardtisch?” Barkeeper begreifen schnell: „Ist neu in der Gegend. Kommt ein bis zweimal die Woche zum Spielen. Interessanter Typ. Wienerin, soviel ich weiß. Gefällt sie dir? Sie heißt Melitta.”

Ich sagte nichts. Interessant? Ja, aber da war noch etwas anderes an der Frau, wofür ich keine Worte fand. Ihr Alter war schwer zu schätzen. Sie konnte dreißig aber auch vierzig sein, jedenfalls älter als ich. War es das Wechselspiel von Konzentration und mädchenhafter Unbekümmertheit, das mich faszinierte? Als sie an ihrem Glas nippte, trafen sich unsere Blicke. Ich schlenderte, meinen Drink balancierend, zur Billardrunde. Die Frau tänzelte elegant um den Billardtisch, um die richtige Stoßposition einzunehmen. Ich sagte „Hi” und lächelte. Das hatte sie wohl aus dem Konzept gebracht – sie versenkte in diesem Moment die schwarze Acht. Und hatte verloren. Es sah aus, als wolle sie mir den Queue über den Kopf ziehen. Ich hob theatralisch die Hände und ergab mich. Das zauberte ihrerseits ein Lächeln in ihr Gesicht. „Ist ja nur ein Spiel”, sagte sie. Und dann: „Wer bist du?” Ich deutete eine Verbeugung an: „Ferdinand – für dich, wenn du willst, einfach Ferry.“ Sie überlegt kurz – es waren wohl die berühmten ersten Sekunden, die sie entscheiden ließen: „Okay, Ferry, ich bin Melitta.“ Wir setzten uns an die Bar. Melitta wollte Musik hören. Ich wählte für uns Ray Charles.

© Ferdinand F. Planegger 2020-08-11

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