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#whatislove#singlestorys#leidenschaft

Nofretete

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Nofretete | story.one

Es war einer dieser Tage, an dem ich mich selbst nicht mochte. Ich saß in der Eden-Bar und kippte ein Glas nach dem anderen. Ich sinnierte vor mich hin und blätterte in einem Magazin. Mein Blick blieb an einem Zitat von J. M. Simmel hängen: „Es gibt im Leben nur eine Sünde, und die ist: den Mut zu verlieren.” Der hat leicht reden, dachte ich, dem fliegen die Herzen seiner Leser zu. Und mir? Mir blinzelte die Bardame zu, also gut, noch einen Drink, weil's eh schon egal war. Ich spürte, dass mein Leben aus dem Ruder lief. Seit Melittas Tod vor einem Jahr war ich auf bestem Wege, mich vollkommen gehen zu lassen.

In diesem Moment sah ich sie. Die Tür des Lokals stand offen. Sie hatte auf den Bus gewartet, und mich erkannt. Sie kam auf mich zu – Gelli, die Verrückte. So hatte ich die beste Freundin meiner Frau insgeheim genannt. Verrückt deswegen, weil sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit von ägyptischen Pharaonen schwärmte. Unsere letzte Begegnung war bei Melittas Begräbnis gewesen. Gelli bot ihre Hilfe an, doch ich wollte nicht. Offen gestanden hatte ich Angst vor ihren koketten Avancen. Jetzt stand sie vor mir und fragte: „Hast du eine für mich, Ferry?” – „Eine was …?” – „Eine Zigarette.” – „Ach so. Natürlich.”

Wir rauchten und sahen uns an. Dann kam die erwartete Frage: „Warum hast du mich nie angerufen?” Noch bevor mir eine glaubhafte Antwort einfiel, fuhr sie fort: „Hast auch schon mal bessere Tage gesehen; wer bügelt eigentlich deine Hemden?” Gelli nahm ein paar tiefe Züge und musterte mich von oben bis unten. Ich wurde sauer: „Bist du gekommen, um an mir herumzumäkeln?” Sie antwortete versöhnlich: „Nein. Und sei nicht so empfindlich. Ich möchte helfen, möchte aus dir wieder den Mann machen, der du immer warst.” Ich wollte aufbegehren, doch gegen Gellis Charme war ich machtlos. Sie gab mir ein Küsschen und lud mich für morgen zu sich ein. „Ich muss jetzt … Ciao, Ferry.”

Mich muss der Teufel geritten haben, als ich am nächsten Tag vor ihrer Tür stand, alle Bedenken über Bord geworfen und die Trauer um Melitta verdrängt hatte. Ich dachte an J. M. Simmel und das Zitat vom Mutig-sein. Und redete mir ein: „Ich bin ein Mann, kein Mönch.”

Gelli stand vor mir, sie hatte sich total verändert, erschien mir größer, hatte die Haare aufgesteckt und trug eine, mit Pharaonenmuster bestickte, rote Galabia. Das bodenlange Kleid war seitlich geschlitzt, darunter blitzten goldene High Heels hervor. Ich traute meinen Augen kaum, wo hatte ich die ganze Zeit hingeschaut? Kannte ich die Signale einer Frau nicht mehr? Gellis Faible für Altägyptisches war bekannt, aber dass sie leibhaftig als Nofretete erschien, war phänomenal. Der Raum, in den sie mich führte, glich einem orientalischen Séparée. Der Duft von Sandelholz lag in der Luft und verdrehte mein Gehirn. Gellis Lippen signalisierten pure Erotik und diese Augen – oh mein Gott, wie schön kann verrückt sein. Nofretete fragte: „Gefällt es dir, gefalle ich dir?“ – „Was für eine Frage? Ich bin's, dein Echnaton!“








© Ferdinand F. Planegger 2020-07-14

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