Der verlorene Ehering

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Der verlorene Ehering | story.one

Meine Eltern wurden durch Freunde eingeladen dem Verein für Freikörperkultur am Wallersee beizutreten. Ich war da grad mal 14 Jahre als sie mich das erste Mal mitnahmen. Ich hatte außer meiner Mutter noch nie eine nackte Frau gesehen. Und dort liefen gleich etliche junge und auch ältere Frauen ohne Bikini herum. Für mich war das Höchststress, ich wusste nicht wohin mit mir und vor allem meinem besten Stück das nicht aufhörte standhaft zu sein. Mit der Zeit legte sich meine Scham und ich nahm an den Aktivitäten des Vereins teil. Doch die anderen Aktivitäten beschränkten sich vor allem auf Wirtshausbesuche und Gespräche knapp unterhalb Boulevardzeitungsniveau. Es waren keinerlei Diskussionen über wichtige Themen, wie Umwelt und Politik jenseits der Ewig-gestrig-keit möglich. Trotz meiner zumeist gegenteiligen Meinungen wollte ich dazugehören, wollte von den Freunden meiner Eltern akzeptiert und auch angehört werden.

Doch dann kam ein Ereignis, von dem ich dachte, dass es meinen Stand in der dortigen Gesellschaft total ändern würde: wir saßen um einen langen Tisch zusammen in der Dämmerung noch am Badegelände bei Wein und Gesprächen, als eine der Ehefrauen entsetzt in die Runde warf, dass sie ihren Ehering beim Baden verloren haben musste. Jetzt muss man wissen, dass der Wallersee am Ufer sehr schlammig ist und nirgends auf den seichten Grund gesehen werden kann.

Ich aber hatte plötzlich eine Eingebung, die mir sagte „Werner, du findest den Ring im See und bringst ihn zurück!“ Ich wusste natürlich, wenn sie den Ring im tiefen Wasser verloren hat kann ich ihn sicher nicht mehr finden. Aber wenn sie ihn bei Gehen über den Steg verloren hat, kann ich ihn im seichten schlammigen Wasser eventuell ertasten. Ich sprang auf lief rasch zum Ufer, es war ja schon sehr dämmrig.

Ich spürte wie sich irgendetwas meiner Bemächtigte, eine Gewissheit, die völlig unrealistisch alle meine Sinne erfasste. In höchste Erregung bei gleichzeitiger absoluter Klarheit ging ich wie ferngesteuert am Steg und „Es“ ließ mich an nur einer einzigen Stelle in den ca. 40 cm tiefen Schlamm greifen und den Goldring heraufheben!

Einen Augenblick lang war ich wie paralysiert, und konnte es zuerst gar nicht glauben, aber dann kam ein Glücksgefühl über mich, welches ich vorher noch nie erlebt hatte! In einer Art Schwebezustand lief ich erfüllt von dem „Glücksgriff“ zurück zum Tisch und übergab freudestrahlend den Ring der Ehefrau. Ich dachte nun werde ich in der Gesellschaft vielleicht etwas mehr Achtung erfahren, aber die Frau sagte nur ganz knapp und fast tonlos, ohne jede Gefühlsregung „danke“ - drehte sich von mir weg und redete dort weiter wo ich sie vorher unterbrochen hatte. Sie teilte den Fund niemanden mit, wie ich es erwartet hatte, ja nicht einmal ihrem Ehemann und das Thema war sozusagen „vom Tisch“. Aber auch meine Eltern beachteten das Ereignis nicht weiter und ich saß wie immer ohne Beachtung in der Gruppe allein mit meinem übervollen Herzen.

© feuervogl