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Im 5er

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Im 5er | story.one

Als ich nach enttäuschenden Erlebnissen im ersten Jahr nach meinem Studium alles aufgab und gen Indien aufbrach war einer der Merksätze „nie mehr Wien“, der mir so richtig wohlige Gefühle bereitete und mich ganz leicht Job, Wohnung, Auto und Freundin sowieso, aufgeben ließ. Wenn ich zurückkomme werde ich sicher nicht mehr in diesen Moloch eintauchen, dachte ich. Es sollte ganz anders kommen. Nach mehr als einem Jahr und meiner Rückkehr aus Asien versuchte ich zwei Jahre lang in meiner Heimatstadt Salzburg beruflich wie privat Fuß zu fassen. Beides ging glorreich schief. Der Architekt bei dem ich arbeitete kündigte mir statt jenem, der ihm die Bauherren abspenstig gemacht hat. Und weitere Jobs gab’s damals in Salzburg nicht. So musste ich schweren Herzens meinen Merksatz „nie wieder Wien“, der immer noch voll präsent war, aufgeben und einem Inserat und nachfolgender Einladung eines Wiener Büros folgen. Die jungen Architekten gefielen mir sofort, nicht nur weil sie mir das Dreifache bezahlten, sondern weil die Atmosphäre im Büro locker, heiter und entspannt war. Wie überhaupt sich Wien von seiner Schokoladenseite präsentierte und mir sozusagen einen roten Teppich fürs Wiederkommen ausrollte! Ich hatte sofort eine Wohnung und alles schien sich zum allerbesten zu wenden. Natürlich gab es auch weniger erfreuliche Ereignisse, aber dies ist eben überall zu erwarten. Aber eine kleine Geschichte ist es wert, sie Euch als Zeichen der inneren Besonderheit dieser Stadt hier wiederzugeben.

Abendlicher Stoßverkehr, die Straßenbahnen sind überfüllt, ich damals noch jung und biegsam quetsche mich grad noch in meinen 5er und halte mich etwas schief an die Tür gelehnt an einer Haltestange fest. Da steht im hinteren Bereich der Straßenbahn ein altes Muaterl von ihrem Sitz auf und ruft durch den Zug: „Hierher junger Mann, ich biete Ihnen meinen Sitz an!“ Zuerst drehte ich mich noch um, weil ich mich so gar nicht angesprochen fühlte, sie aber setzte sofort eindringlich nach: „Nein, nein, Sie sind gemeint, der junge Mann mit der blauen Jacke und Nickelbrille. Kommen Sie und setzen Sie sich hier her“. Nunja, sehr ungewöhnlich dachte ich, und lächelte verlegen, diese Dame hat den Sitzplatz eher verdient als ich. Ganz zu schweigen von dem Umstand, dass ich wegen der Überfüllung im Zug das Angebot keinesfalls hätte annehmen können, da wir alle wie die Sardinen in der Dose zusammen standen und es keine Möglichkeit gab da durchzukommen, auch wenn ich es gewollt hätte. Einige Fahrgäste lachten leise und gaben sinnige Wortspenden, an die ich mich nicht mehr erinnern kann. Aber insgesamt erzeugte die Situation eine kurzzeitige Zusammengehörigkeit von allen, die das mitbekommen hatten und das war wiederum ein wunderbares Gefühl!

Ich werde nie herausfinden ob es ein schlechter Scherz oder ein ernst gemeintes Angebot war, aber es war ein untrügliches Zeichen, dass ich wieder in Wien war!

© feuervogl 07.03.2020

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