Rot oder Grün

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Rot oder Grün | story.one

Ich und meine „Lady“, also meine Honda und ich - fuhren von Schönbrunn kommend über die Kreuzung Linzerstraße-Johnstraße-Felberstraße unter der Bahn durch Richtung Johnstraße. Ich hatte grün und sah aus dem Augenwinkel ein helles Auto von links aus der Linzerstraße auf mich zukommen, das offensichtlich nicht anhalten wollte. Der müsste doch rot haben, dachte ich in Sekundenbruchteilen, und erkannte sofort, wenn der wirklich nicht stehen bleibt, stoßen wir unvermeidlich zusammen. Motorrad gegen Auto ging noch nie gut fürs Motorrad aus. All diese Gedanken flogen fast gleichzeitig durch meinen Sinn und ich entschloss mich zu einer Vollbremsung mit seitlichem Niederlegen. Das bedeutet vorne etwas stärker zu bremsen, damit das Heck bei leichtem Einlenken das Motorrad in neunzig Grad zur Fahrtrichtung verdreht und durch weiteres Einlenken zur Seite kippt. Der Asphalt war von der Sonne aufgeweicht, sodass sich einige Teile wie Fußraste, Lenker, Außenspiegel usw. in den Asphalt eingruben, was mir half rechtzeitig vor dem inzwischen bei mir angelangten Auto zum Stillstand zu kommen. Das Auto stoppte genau vor mir, das Fenster wurde heruntergekurbelt und ein älteres Frauengesicht sah kurz auf mich herunter, sah mich atmen, gab sofort wieder Gas und fuhr ohne weiteres davon. Ich rappelte mich auf, zog mein Motorrad aus dem Asphalt und schob es zum Straßenrand. Ich beäugte die Beschädigungen an der „Lady“ und kalkulierte überschlagsmäßig die Reparaturkosten. Gott sei Dank, das wird nicht so dramatisch, beruhigte ich mich innerlich. Die Kreuzung ist ziemlich weitläufig und mehrere Straßen treffen dort aufeinander. Noch während ich ziemlich verärgert, aber doch auch erleichtert, meine Verletzungen an Bein, Arm und Hand begutachtete, kamen die ersten Passanten zu mir und boten sich als Zeugen an! Sie hatten genau gesehen, dass ich „grün“ und das Auto „rot“ hatte, gaben mir ihre Adressen für eine Aussage bei einem möglichen Prozess. Einer hatte sich sogar die Autonummer notiert, sodass es für die Polizei nicht schwer war die Lenkerin ausfindig zu machen. Das alles war eigentlich nicht zu erwarten, weil die Entfernung zu den Gehsteigen schon beträchtlich war. Aber ich hatte großes Glück, dass aufmerksame Passanten da sofort geschaltet haben, Chapeau!

Ich fuhr mit der Rettung ins Spital, wo meine Brüche und Abschürfungen behandelt wurden. Und in Wahrheit konnte ich von Glück reden, dass mir nicht mehr passiert war!

Erst Monate später bekam ich ein Schreiben, dass die Autofahrerin wegen Fahrerflucht und schwerer Körperverletzung zu einer bedingten Freiheitsstrafe verurteilt wurde, ich war da beim Prozess gar nicht geladen! Das erledigten alles die hilfsbereiten Passanten und die ausforschende Polizei ganz ohne mich. Danke, denn ich erhielt von der Versicherung ordentlich Schadenersatz und die Lady wurde auch bestens repariert.

Solche Hilfsbereitschaft von Wiener Passanten ist wirklich herzerwärmend.

© feuervogl 08.03.2020